17.05.2015

Rezension: Wild Truth

Wild Truth
Die wahre Geschichte des Aussteiger-Idols aus „Into the Wild“
Carine McCandless

btb Verlag, 2014
320 Seiten
ISBN 978-3442754588
19,99 €

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Inhalt
Er war ein Idol, ein Held seiner Zeit, sein Leben und Sterben wurden zum Mythos, Jon Krakauers Biografie über ihn zum Bestseller. Chris McCandless wollte ein Leben als Aussteiger führen, zog durch die Staaten Nordamerikas, bis er aus der Wildnis Alaskas nicht mehr zurückkehrte. Nun, zwanzig Jahre später, erzählt seine Schwester Carine McCandless zum ersten Mal die wahre Geschichte ihres Bruders und deckt auf, welche grausame Wahrheit Chris tatsächlich in die Wildnis trieb.




Rezension
Chris McCandless, der Aussteiger, der sein Geld verbrannte, alle weltlichen Güter verschenkte und nach Alaska ging, um dort seinen Traum vom einfachen Leben zu leben, war auch für mich ein Idol. Unzählige Male habe ich das Buch von Jon Krakauer gelesen (dessen Fan ich bin) und mir vorgestellt, es genauso wie Chris zu machen. Natürlich würde ich alles besser machen und überleben und gestärkt aus dem Erlebnis herauskommen wie Phoenix aus der Asche. Auch den Film unter der Regie von Sean Penn habe ich mir mehrmals angeschaut. Ich konnte jeden Satz von Chris McCandless nachvollziehen, und seinen Wunsch verstehen, sich von der Welt, die er kannte zurückzuziehen.
Als ich später selbst ausgestiegen bin und ein Jahr in der Wildnis von Minnesota (Minnesota Winter) verbracht habe, war „Into the Wild“ mit dabei. Wenn ich in Minnesota auf meinem Felsen über dem Timber Lake saß und im Buch las, habe ich mehr als einmal gedacht: „Ich verstehe dich, Chris.“ Wir alle haben unsere Motive (und Geheimnisse), wenn wir der Welt den Rücken kehren. Ich habe mich oft gefragt, was tatsächlich in Chris vorgegangen ist. Was waren seine wirklichen Beweggründe, sein altes Leben aufzugeben. Als ich dann in einem Buchladen „Wild Truth“ fand, hoffte ich, mehr über den Jungen zu erfahren, der in die Wildnis aufbrach.
Carine McCandless erzählt die Geschichte einer dysfunktionalen Familie, ihren gescheiterten Ehen und die ganz besondere Liebe zu ihrem Bruder Chris, die sie das alles durchstehen lässt. Manchmal fiel es mir schwer, weiterzulesen, so verstörend war für mich das Verhalten der Eltern und der immerwährende Versuch der Autorin, es ihnen irgendwie doch recht zu machen und sich mit ihnen zu versöhnen. Erst viele Jahre später und um schmerzhafte Erfahrungen reicher, gelingt es ihr, loszulassen und sie selbst zu werden – auch dank der Briefe ihres Bruders und der Verarbeitung seines Fortgangs und seiner Zeit in Alaska.
Mein Problem beim Lesen dieses Buches war, dass ich immer noch den großartigen Text von Jon Krakauer im Hinterkopf hatte. „Wild Truth“ kann sich nicht an „Into the Wild“ messen – und soll es auch nicht.
Als Sean Penn den Film „Into the Wild“ vorbereitet, lehnt er es im Vorgespräch mit Carine ab, allzu viel von Chris‘ Geschichte zu verarbeiten, weil sich die Zuschauer dann nicht mehr auf Chris, sondern nur noch auf seine Eltern konzentrieren. Er sagt: „Zugegeben, die Wahrheit ist wichtig, aber auch so chaotisch, dass man dafür einen eigenen Film, ein eigenes Buch oder beides bräuchte.“
Nun hat Carine dieses eigene Buch über ihre Familie herausgebracht, und es ist genau das geschehen, was Sean Penn im Film vermieden hat. Als Leser konzentriert man sich zu sehr auf die katastrophale Familie und weniger auf Chris. Das bedaure ich. Es gelingt der Autorin nicht, dem Leser ihren Bruder näher zu bringen. Vielmehr bewundern wir – zu Recht – die Geschichte ihres seelischen Überlebens. Nach meinem Empfinden jedoch entzaubert „Wild Truth“ ein wenig den Mythos McCandless.
Muss uns überhaupt irgendjemand Chris McCandless noch näher bringen, als es Jon Krakauer getan hat? Ich meine Nein. Für mich ist nicht wichtig, warum Chris in die Wildnis gegangen ist. Für mich ist wichtig, dass er es getan hat. Ein jeder Leser und Aussteige-sehnsüchtiger kann sich mit ihm identifizieren – vielleicht auch gerade, weil wir nicht alles über ihn wissen. (ehr)