19.07.2015

Rezension: Butcher's Crossing

Butcher's Crossing
John Williams

dtv, 2015
368 Seiten
ISBN 978-3423280495
21,90 €

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Inhalt
Es war um 1870, als Will Andrews der Aussicht auf eine glänzende Karriere und Harvard den Rücken kehrt. Beflügelt von der Naturauffassung Ralph W. Emersons, sucht er im Westen nach einer "ursprünglichen Beziehung zur Natur". In Butcher’s Crossing, einem kleinen
Städtchen in Kansas, am Rande von Nirgendwo, wimmelt es von rastlosen Männern, die das Abenteuer suchen und schnell verdientes Geld ebenso schnell wieder vergeuden. Einer von ihnen lockt Andrews mit Geschichten von riesigen Büffelherden, die, versteckt in einem entlegenen Tal tief in den Colorado Rockies, nur eingefangen werden müssten: Andrews schließt sich einer Expedition an, mit dem Ziel, die Tiere aufzuspüren. Die Reise ist aufreibend und strapaziös, aber am Ende erreichen die Männer einen Ort von paradiesischer Schönheit. Doch statt von Ehrfurcht werden sie von Gier ergriffen – und entfesseln eine Tragödie. Ein Roman darüber, wie man im Leben verliert und was man dabei gewinnt.

Rezension
Ich gestehe, ich gehöre zu den Wenigen, die weder Stoner noch einen anderen Roman von John Williams gelesen haben. Ich habe zum Buch gegriffen, weil mich das Cover mit dem Bison angesprochen hat. Ich bin ein großer Bisonfan und kenne die Tiere und ihren Lebensraum. Ich wollte erfahren, wie es in den großen Bisongebieten aussah, bevor die weißen Jäger kamen und Millionen Büffel vernichteten. Meine Buchhändlerin wollte mir das Buch erst gar nicht verkaufen. Sie warnte mich, das „sei nichts für mich“. Entsprechend vorsichtig habe ich mich herangewagt – und wurde immer mehr in den Bann der Erzählung hineingezogen.
Die Handlung gibt genügend Stoff für einen Hollywoodfilm im Stil von "Der mit dem Wolf tanzt". Der große Western, der nichts auslässt: Kansas und Colorado Ende des 19. Jahrhunderts. Ein kleiner, gottverlassener Ort in der Prärie. Ein junger Mann aus der Großstadt mit einem Traum. Ein vom Töten besessener Jäger, dessen Ähnlichkeit mit Herman Melvilles Ahab verblüfft. Ein verkrüppelter Alkoholiker, die Prostituierte mit dem Herzen aus Gold und der brummige Bisonhäuter. Sie machen sich gemeinsam auf, um die letzten Bisons in Colorado zu töten. Das brutale Gemetzel, das folgt und sich über Monate hinwegzieht, ist ebenso unerträglich wie auch faszinierend zu lesen. In detaillierten Beschreibungen und sehr poetischer Sprache, die in krassem Widerspruch steht zum Geschehen, zeigt der Autor die Abgründe der menschlichen Seele. Am Ende bleibt die Gewissheit der Sinnlosigkeit manchen Handelns, das Bedauern über den Tod von 3.000 Bisons und letztendlich auch die Erleichterung, wenn das Schlachten vorbei ist.
Bei meinen Wolfsforschungen im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark beobachte ich in jedem Winter, wie Jäger die Tiere töten. Ihr Handeln ist nicht weniger brutal als vor zweihundert Jahren, und ich habe mich oft gefragt, was Menschen dazu bringt, diese sanften Riesen so schrecklich zu töten. Dank Butcher’s Crossing weiß ich es nun. (ehr)