13.07.2015

Rezension: Wolves on the Hunt

Wolves on the Hunt
The Behavior of Wolves Hunting Wild Prey
David Mech, Douglas W. Smith and Daniel R. MacNulty

University of Chicago Press, 2015
208 Seiten
Sprache: Englisch
ISBN 978-0226255149
50 US $

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Inhalt
Die Interaktionen zwischen Top-Beutegreifern und ihrer Beute sind einige der faszinierendsten und bedeutendsten in der Natur. Sie zeigen Kraft, Ausdauer und eine tiefe, ko-evolutionären Geschichte. Und es gibt bestimmt keinen Beutegreifer dessen Jagdverhalten beeindruckender und wichtiger – aber vielleicht auch mehr falsch beurteilt – wird als den Wolf. Dies ist das erste Buch, das sich speziell diesem Jagdverhalten widmet und eine Lücke füllt zwischen Wissen und Verständnis.



Rezension
Wie von den genannten Autoren nicht anders zu erwarten – alle sind mit Wölfen seit Jahrzehnten forschungsmäßig verbunden – ist dies ein ganz hervorragendes Buch. Es schildert, nach einer allgemeinen Einleitung, in der die Jagdstrategien und die Vielfalt der Beutetiere vergleichend behandelt werden, in einzelnen Kapiteln die Jagd auf Weißwedelhirsche, Elche, Karibus, Wapitis, Dickhornschaf, Schneeziege, Bison, Moschusochse und in einem gemischten Kapitel noch den Umgang mit selteneren Beutetieren, nämlich Pronghorn Antilopen (Gabelbock), Wildschwein, Robben, Biber, Schneehasen, und selbst das Fangen von Lachsen, Wassergeflügel und Kleinsäugern wird in einigen Einzelbeobachtungen thematisiert.
Das Einleitungskapitel hat den zwar, auf ersten Blick etwas anrüchig erscheinenden Titel, „Wölfe als Killingmaschinen“, bespricht aber vor allem auch ausführlich Beispiele, bei denen Wölfe durch andere Beutetiere ums Leben gekommen sind. Sogar Weißwedelhirsche, und erst recht die großen Vier (Wapiti, Elch, Bison und Moschusochse) erzielen regelmäßig Hetzungen bei Wölfen. Abbildungen von Schädeln, die beispielsweise vom Geweih eines Weißwedelhirsches durchstoßen wurden, illustrieren dies deutlich. Auch in diesem Kapitel sind bereits eine Reihe von interessanten Beobachtungen. So ist, auch im Hinblick auf die immer noch bisweilen praktizierte Jagdsimulation durch Futterbeutelarbeit schon bei Junghunden im Alter weniger Monate die Beobachtung zweifellos sehr wichtig, dass Wolfswelpen eigentlich den ganzen ersten Winter über bei der Jagd kaum irgendetwas täten („rarely do anything“), sondern nur durch Beobachtungslernen mit dabei sind.
Daten zu Distanzen, die bei der Jagd zurückgelegt werden, Jagddauer und zum Zusammenhang zwischen Rudelgröße und Jagderfolg werden hier nochmals neu und in neuem Licht zusammengeführt. Größere Rudel sind beispielsweise bei tieferem und häufigerem Schneefall die Folge, und nicht die Ursache eines zahlenmäßig größeren Jagderfolgs.
Auch die Rollenverteilung während der Jagd ist ausgesprochen bemerkenswert. Beispielsweise leisten oftmals Jungwölfe die Vorarbeit, und die Leittiere, die hier als Breeders, also als die Fortpflanzungsträger bezeichnet werden, kommen erst zum Schluss nach vorne. Koordiniertes Verhalten bei der Jagd wird übrigens nach Ansicht dieser Autoren noch keineswegs eindeutig bestätigt. Bemerkenswert sind auch die niedrigen Erfolgsquoten: Nur wenige Prozent der Jagden sind tatsächlich erfolgreich.
Sodann folgen Kapitel nach den einzelnen Beutetierarten sortiert. Auch hier finden wir wieder zunächst allgemeine Beschreibungen und einen Literaturüberblick. Verhaltensmechanismen, Ökologie der Beute und andere Zusammenhänge werden dargestellt. Danach kommen Einzelbeobachtungen und protokollierte Jagdszenen, jeweils mit Angabe von Ort, Beobachter, und auch Datum. Am Ende jedes einzelnen Arten-Kapitels finden wir dann nochmals allgemeinere zusammenfassende Bemerkungen.
Karten von aktuellen Verfolgungsjagden mit den dabei zurückgelegten Strecken sind Teil dieser Datensammlung. Wichtig sind dabei zum Beispiel folgende Erkenntnisse: Weißwedelhirsche haben durchaus effektive Abwehrstrategien. Bei Karibus scheinen sich die Wölfe besonders schwer zu tun. Lerneffekte sind ganz besonders wichtig, wenn es beispielsweise darum geht, in schwierigem Gelände Dickhornschafe oder Schneeziegen anzugreifen, da diese dann von oben attackiert werden um ihnen die Flucht in das für sie bessere steile Gebiet zu verhindern. Bei Wapitibullen, Moschusochsen und Bisons wird häufiger eine Abwartestrategie angewandt, in denen sich das Rudel oft stundenlang in der Umgebung des Beutetiers zur Ruhe legt und immer wieder zwischendurch angreift. All diese Beobachtungen sind von größter Bedeutung und ausgesprochen spannend zu lesen.
Bedauerlich ist, dass zum Teil dieselben Fotos, oft sogar mit identischer Legende, sowohl als schwarz-weiß Abbildungen direkt in den jeweiligen Kapiteln als auch nochmals in den blockweise zusammengestellten Farbtafeln auftauchen. Hier hätte man Platz sparen oder besser anders nutzen können.
Ebenso schade ist, dass praktisch keine europäischen beziehungsweise eurasischen Beobachtungen im Buch enthalten sind. Unbestreitbar dürfte sein, dass unsere eurasischen Wölfe sich gerade bei der Jagd schwerer beobachten lassen als die Nordamerikaner. Trotzdem wäre es sicherlich interessant gewesen, beispielsweise Beobachtungen über Jagdverhalten und Jagdstrategien von Wölfen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, wie sie Bibikov beispielsweise in seinem Bändchen der neuen Brehm-Bücherei dargestellt hat, mit auszuwerten. Nicht einmal die ausgezeichneten Studien des Ehepaars Jedrzewski aus dem Bialowieza Nationalpark wurden zitiert, obwohl als Buch und Einzelveröffentlichungen in Englisch vorhanden.
Nach den Beschreibungen der Beutetierarten kommt das sehr wichtige Kapitel der allgemeinen Schlussfolgerungen. Hier wird nochmals darauf abgehoben, dass Wölfe keineswegs alles töten können, was sie gerne möchten. Die Zusammenhänge sind wesentlich komplexer. Wenn ein Beutetier erst mal geschafft hat, zwei Jahre alt zu werden, überlebt es oft bis zum Alter von 20 und wehrt sich sehr erfolgreich gegen Wölfe. Verschiedene Datenabschätzungen lassen beispielsweise erkennen, dass Wölfe das Streifgebiet von Individuen verschiedener Hirscharten durchschnittlich alle drei bis neun Tage besuchen, und wenn die Hirsche dann trotzdem wie erwähnt gute 20 Jahre alt werden, zeigt das vor allem auch, wie wenig verwundbar sie doch gegen diesen Großprädator sind. Auch Wölfe müssen ganz klare Abwägungsentscheidungen zwischen Sicherheit und eignem Verletzungsrisiko versus dem Wert des Beutetieres machen, und Beutetiere sind, wie gerade die oben erwähnten tödlichen Verletzungen zeigen, keineswegs wehr- und hilflos.
Interessant sind außerdem die Darstellungen der Landschaftsmerkmale, die nicht nur zu einer erfolgreichen Tötungsaktion, sondern vor allem auch zum Aufspüren und Verfolgen der Beute führen. Die meisten Studien haben sich nur mit den Landschaftsmerkmalen der Stellen beschäftigt, an denen die getöteten Beutetiere gefunden wurden. Viel wichtiger ist jedoch, welche Eigenschaften und Charakteristiken der Landschaft, der Vegetation etc. den Wölfen das Aufspüren und Verfolgen der Beute oftmals ja über längere Strecken ermöglichen.
Ebenfalls bedeutsam ist die Erkenntnis, dass nicht alle Nachteile, die ein individuelles Beutetier für besonders verwundbar gegen Wolfsangriffe machen, am Kadaver und an dessen Knochen und sonstigen Resten nachweisbar sind. Nicht alles, was bei der Begutachtung als angeblich vollständig gesundes Individuum deklariert wird, ist wirklich frei von versteckten Nachteilen. So zeigt sich der Gesundheits- und Ernährungszustand der Matriline, also der mütterlichen Verwandtschaftslinie, nur bei Langzeitstudien. Vielfach haben nämlich erlegte Tiere, seien sie als Jungtier, Schmaltier oder erwachsene Kuh erbeutet worden, einen Zusammenhang mit einem mangelhaften Ernährungszustand ihrer Großmutter. Es werden statistisch nachweisbar mehr Enkel und Enkelinnen von schlecht ernährten Großmüttern gejagt, auch wenn sie selbst in gutem Futter stehen. Hier sind offensichtlich wieder einmal epigenetische Mechanismen von Bedeutung.
Auch die Selektivität, also die Wahl verschiedener Individuen und Arten von Beutetieren ist offensichtlich ein komplexes Zusammenspiel aus Versuch und Irrtumslernen mit Erfahrung und auch momentan günstigen Situationen. Selbst bei Hirschkälbern ist offensichtlich eine erfolgreiche Jagd selektiver, und keineswegs jedes angetroffene Kalb wird mit gleicher Wahrscheinlichkeit angegangen oder gar gerissen.
Und letztlich noch eine Bemerkung, die wiederum die angebliche Blutrunst von Wölfen doch sehr stark relativiert: In freier Natur, wenn die Kadaver nicht weggeräumt werden, wird selbst bei so genanntem Überschusstöten, also dann, wenn die Wölfe in einer Gruppe von Beutetieren mehr Individuen reißen als sie jetzt momentan konsumieren können, im Laufe der nächsten Tage bis Wochen eigentlich alles aufgefressen. Nur dort, wo entweder eine große Bestandsdichte von Aasfressern, oder die Aktivitäten des aufräumenden Menschen die Kadaver schneller verschwinden lassen als das Wolfsrudel sie nach und nach auffressen kann, kommt es deshalb zu diesen scheinbaren Überschussaktionen. Nachdem das Überschusstöten überwiegend im Winter stattfindet, ist die Tiefkühlkost ja auch längere Zeit frisch.
Der Anhang des Buches enthält dann die wissenschaftlichen Namen der besprochenen Tiernamen, einen Autoren-  und einen Sachindex, und zehneinhalb Seiten relativ klein gedruckte und zweispaltig gesetzte Literaturliste.
Das Buch ist also eine Fundgrube, für jeden, der sich mit dem Jagdverhalten von Großraumtieren beschäftigen möchte, sei es im ökologischen Zusammenhang, aus allgemeinen Interesse am Wolf und anderen verwandten Beutegreifern, oder auch mit dem wirklichen und nicht etwa nur vermuteten und angeblich so besonders artgerechten Artverhalten des Haushundes als Nachfahr des Grauwolfs. Trotzdem hätte das Buch unter Berücksichtigung der oben genannten Kritikpunkte nochmals seine Bedeutung zumindest auf dem alten Kontinent steigern können.  (Udo Gansloßer)