03.08.2015

Rezension: Das 6. Sterben

Das 6. Sterben
Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt
Elizabeth Kolbert

Suhrkamp Verlag, 2015
312 Seiten
ISBN 978-3518424810
24,95 €

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 Inhalt
Sie haben noch nie etwas vom Stummelfußfrosch gehört? Oder dem Sumatra-Nashorn? Gut möglich, dass Sie auch nie von ihnen hören werden, denn sie sind dabei auszusterben. Wir erleben derzeit das sechste sogenannte Massenaussterbeereignis: In einem relativ kurzen Zeitraum verschwinden ungewöhnlich viele Arten. Experten gehen davon aus, dass es das verheerendste sein wird, seit vor etwa 65 Millionen Jahren ein Asteroid auf der Erde einschlug, mit den bekannten Folgen für die Dinosaurier. Doch dieses Mal kommt die Bedrohung nicht aus dem All, sondern wir tragen die Verantwortung.
Wie keine andere Gattung zuvor haben wir Menschen das Leben auf der Erde verändert. In ihrem New York Times-Bestseller erklärt uns Elizabeth Kolbert, wie das geschehen konnte: Sie spricht mit Geologen, die verschwundene Ozeane erforschen, begleitet Botaniker, die der Waldgrenze in den Anden folgen, und begibt sich gemeinsam mit Tierschützern auf die Suche nach den letzten Exemplaren gefährdeter Arten. Sie zeigt, wie ernst die Lage ist, und macht uns zu unmittelbaren Zeugen der dramatischen Ereignisse auf unserem Planeten.

Rezension
Es gab fünf Massenaussterbeereignisse, seit sich vor 500 Mio. Jahren komplexe Tiere entwickelt haben. Verantwortlich dafür waren der globale Klimawandel und andere Ursachen (Asteroiden u. Ä.). Gegenwärtig befinden wir uns mitten im 6. Aussterben, diesmal verursacht durch die Transformation der ökologischen Landschaft durch die Menschheit. Fünf bis neun Millionen Tierarten gibt es derzeit weltweit, und jedes Jahr verschwinden 11.000 bis 58.000 von ihnen. Schon jetzt gelten zwischen 23 und 36 Prozent der vom Menschen als Nahrung genutzten Vögel, Säugetiere und Amphibien als bedroht. Gewiss, schon immer sind Arten ausgestorben, jedoch ist die Geschwindigkeit, mit der das Sterben heute geschieht, erschreckend. Das zeigt die Autorin in diesem lesenswerten Buch.

Sie begibt sich auf eine Reise um die Welt auf den Spuren der Artenvernichtung und präsentiert die Forschung und Ansichten verschiedener Wissenschaftler aus Vergangenheit und Gegenwart.
„Das 6. Sterben“ ist ein faszinierendes Buch, das aufgrund der Fakten deprimiert und traurig macht. Traurig, dass die meisten Arten durch menschliches Zutun verschwinden und deprimierend, dass Menschen oft so gedankenlos und manchmal einfach nur aus Spaß Arten vernichten. Die Ignoranz von Homo sapiens ist erschreckend. Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, dass Sie vielleicht gerade mit einem achtlosen Fußtritt die letzte seltene Käferart von diesem Planeten auslöschen? Und wenn, würde es Sie kümmern? Wozu sind Käfer schon gut? Wir betonen immer wieder, wie wichtig uns die Natur ist, stellen aber den Wohlstand über alles und sind nicht bereit, zugunsten des Planeten auf Autos, Flugreisen, Fleisch aus Massentierhaltungen etc. zu verzichten. Solange Gier und Wachstum die Welt beherrscht, wird das Massensterben nicht aufhören.
Aber zum Glück gibt es ja Einrichtungen wie den „Gefrorenen Zoo“ in San Diego. Hier lagern die DNA von 2.600 Tierarten in großen Gefrierschränken. Eine Stickstoffpumpe kühlt sie auf Minus 196 Grad Celsius. Das macht die Zellen für die Ewigkeit haltbar. Jurassic Park lässt grüßen und heutige Zoos werden ad absurdum geführt.
Die Autorin stellt die Frage, die sich wohl jeder stellt, der sich mit dem Thema des Buches beschäftigt: „Muss es so enden? Liegt die letzte Hoffnung für die prachtvollsten Kreaturen der Erde tatsächlich in Behältern mit Flüssigstickstoff? Können wir nicht etwas zum Schutz anderer Spezies unternehmen und unseren Kurs ändern, um Gefahren zu vermeiden?“
Kolbert macht aber auch Hoffnung. Viele Menschen haben schon bewiesen, dass sie etwas ändern können. Sie zeigt Beispiele von Einzelpersonen wie Adolph Murie oder Rachel Carson, aber auch von Millionen Menschen, die sich durch ihre Mitgliedschaft in den großen Naturschutzorganisationen der Welt indirekt an einer Veränderung beteiligen.
Am Ende des Buches begreift der Leser, dass unser eigenes Artensterben mehr ist, als eine entfernte Möglichkeit. Werden wir es aufhalten können?

„Das 6. Sterben“ ist ausgezeichnet recherchiert von einer begnadeten Journalistin, der es gelingt, wissenschaftlich komplexe Fakten interessant und lesbar aufzubereiten, eine Gabe, die nur wenige deutsche Journalisten beherrschen, die uns aus den USA aber sehr wohl bekannt ist.
Zu Recht hat Elizabeth Kolbert für dieses Buch den Pulitzerpreis Sachbuch erhalten.

Ein besonderes Kompliment geht auch an Ulrike Bischoff, die das Buch großartig übersetzt hat.
Sehr hilfreich ist das ausführliche Literaturverzeichnis zum Weiterlesen. (ehr)