27.12.2015

Rezension: The Dingo Debate

The Dingo Debate
Origins, Behaviour and Conservation

Bradley Smith (Hrsg)

SCIRO Publishing, 2015
330 Seiten
ISBN 978-1486300297
AU $ 39,95 / US $ 31,95

Inhalt
„The Dingo Debate“ erforscht die relativ unbekannte Geschichte von Australiens umstrittenstem Tier: dem Dingo. Dessen Existen7 wurde von je her durch seine Interaktionen mit Menschen geformt. Das Buch verfolgt die Geschichte des Dingo von seinen Anfängen als halb-domestizierter wild lebender Hund im Südosten von Asien bis zu seinem heutigen Status als wild lebendes heimisches Tier Australiens unter der Bedrohung der Ausrottung.

 Rezension
„The Dingo Debate“ hat eine sehr hohe Bedeutung für Diskussionen über den Wolf in Deutschland. Eine Vielzahl der im Buch angesprochenen Aspekte, nicht nur im Bezug auf die mögliche Gefahr für Nutztierhaltung und Menschen, kann nahezu 1:1 auf die derzeit wogende Debatte in Deutschland übertragen werden. Autoren des Buches sind neben Bradley Smith eine Reihe zum Teil sehr renommierte. So ist der schwedische Genetiker Peter Savolainen Coautor eines Kapitels über die molekulargenetischen und archäologischen Aspekte der Dingoeinwanderung, der renommierte Ökologieprofessor Christopher Johnson schreibt über den Dingo als ökologischen Faktor und über die mögliche Konkurrenz zu einheimischen größeren und kleineren Beutegreifer.
An etlichen Stellen ist das Buch durch sehr übersichtliche Tabellen mit jeweils Vergleichsangaben von Wolf, Dingo und Haushund strukturiert, sodass körperbauliche, aber auch Verhaltensmerkmale immer wieder in direktem Vergleich zwischen den drei Formen zu sehen sind.
Die derzeit aktuelle zoologische Nomenklatur bezeichnet den Dingo offensichtlich nun als Canis dingo, Meyer 1793. Dies ist zweifellos noch nicht unumstritten, scheint aber derzeit von der Nomenklaturkommission so akzeptiert.
Jedes der Kapitel enthält eine ausführliche Literaturliste, oft über mehrere Seiten, die auch die aktuellen Literaturbeiträge über Haushunde und Wölfe auf anderen Kontinenten enthält.
Die Kapitelabfolge beginnt mit einer Charakteristik des Dingos, einschließlich der bereits genannten Unterscheidungen vom Haushund und Wolf, und der ausführlichen Darlegung der genannten zoologisch-systematischen Benennung.
Im nächsten Kapitel über Biologie und Verhalten sind einige Aspekte bereits von besonderem Interesse:
Die mögliche Hypridisierung des Dingos mit dem Haushund wird ausführlich, und auch als eine Gefahr für die Verbreitung der Art in Australien diskutiert. Es handelt sich in der Regel um Dingohündinnen und Haushundrüden, die gemeinsam Nachwuchs zeugen, und die Aufzucht erfolgt dementsprechend meistens im Freiland.
Im Gegensatz zu den bisherigen Angaben finden die von Smith und Coautoren zitierten Studien meistens stabile Dingorudel, die allerdings durch das Fusion- Fissionssystem, ähnlich wie beispielsweise bei verwilderten Haushunden, nicht sofort als solche erkennbar sind. Dingos jagen nämlich meistens allein, der Zusammenschluss zur Jagd auf Großtiere ist auch bei ihnen nicht die Regel. Die Zyklen der Dingohündinnen werden offensichtlich durch die Photoperiode ausgelöst, und Dingohündinnen können, wenn sie bei der ersten Läufigkeit im Jahr nicht erfolgreich belegt wurden, noch einen Zyklus nachschieben. Die Fortpflanzungsaktivitäten der Rüden werden wohl mehr durch die Temperatur gesteuert. Jedoch betont der Beitrag immer wieder die große Variationsbreite, die allgemeingültige Aussagen immer etwas erschwert.
Interessante Beobachtungen zur Entwicklung von nahezu dreißig Dingowelpen, die in mehreren Würfen ausführlich studiert wurden, sind als Originaldaten im Band zu entdecken. Eine bemerkenswerte Beobachtung ist das Regurgitieren von Wasser, das eine frei lebende Dingohündin für ihre Welpen gebracht hat. Auch die Lautgebung wird ausführlich mit Originaldaten, Sonagrammen etc. beschrieben.
Das nächste Kapitelbeschäftigt sich mit der Herkunft und der Abstammung des Dingos. Sowohl durch paläontologische Daten, durch die Auswertung der Traumerzählungen einheimischer Aborigines, die Auswertung der geografischen Verschiebungen und die Molekulargenetik ergibt sich, dass der Dingo vor ca. fünftausend Jahren nach Australien gekommen sein dürfte. Die Abstammung von Hunden (nicht etwa von Wölfen) aus Südostasien und die Einwanderung wohl über Borneo und Neuguinea sind gut belegbar. Die genetische Variabilität aller Dingos in Australien ist sehr niedrig, möglicherweise sind nur ganz wenige Individuen (man spricht sogar von nur einem Rüden und zwei Hündinnen) die Stammeltern der gesamten Population gewesen.
Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der Rolle des Dingos im Lebensstil der indigenen Bewohner, Dingos waren offenbar oftmals Familienmitglieder, die auch durchaus gefühlvoll integriert waren, Trauerzeremonien etc. werden beschrieben. Als Jagdgehilfen dagegen werden sie wohl nur kaum eingesetzt worden sein und ihre Hilfestellung dabei wird auch sehr eingeschränkt gesehen.
Die nächsten beiden Artikelbeschäftigen sich mit dem Konflikt zwischen Dingo und Mensch. Konflikte durch Angriffe auf Nutztiere, die ökonomischen Auswirkungen und die Möglichkeiten einer aversiven Konditionierung zur Vergraulung von Dingos werden hier ausführlich geschildert, die wirtschaftliche Debatte ist offensichtlich durchaus noch nicht entschieden. Die Auswirkungen des Dingos auf die Huftierbestände sind also noch umstritten.
Das nächste Kapitel über Angriffe auf Menschen beschäftigt sich hauptsächlich mit der Aufarbeitung zweier, auch bei uns in den Medien ausführlich behandelter Fälle. Während das Problem des im Uluru Nationalpark verschwundenen Babys nach wie vor offen ist, und die Diskussion dieses Falls auch mehr als juristischer als aus biologischer Sicht erfolgt, ist der Angriff auf einen neunjährigen Jungen in Queensland durch zwei Dingos wohl eindeutig belegbar.
Im Zusammenhang mit diesen Angriffen auf Kinder werden dann auch einige weitere Aspekte im Zusammenhang mit Abfolge Attraktion – Habituation – Interaktion – Aggression diskutiert, und der Unterschied zwischen Habituierung und einseitiger Futterkonditionierung wird als überwiegendes Problem erwähnt. Auch die möglichen Einflüsse des Scheu - Wagemutig – Persönlichkeitstyps, also des A und B Typs werden im Text erwähnt.
Das Kapitel Wissenschaft beim Dingostudium ist eine ausführliche Zusammenstellung aller möglichen Feldmethoden, mit denen man Dingos untersuchen kann, und kann durchaus auch wiederum als Überblick gelten für diejenigen, die sich speziell mit der Kanidenforschung in freier Natur oder auch in Gehegen beschäftigen möchten.
Im nachfolgenden Kapitel werden die ökologischen Aspekte des Dingos diskutiert. Hier ist vor allem seine Rolle als Spitzenbeutegreifer von großer Bedeutung. Einerseits schließt der Autor Christopher Johnson weitgehend aus, dass der Beutelteufel und/oder der Beutelwolf auf dem australischen Festland überwiegend durch den Einfluss des Dingos als überlegenem Nahrungskonkurrenten ausgerottet worden seien. Durch Modellierungen verschiedener biologischer und auch anthropologischer Aspekte wird vielmehr der plötzliche Populationsanstieg des Menschen vor ca. fünftausend Jahren mit dem Aussterben der beiden genannten großen marsupialen Beutegreifer in Verbindung gebracht.
Eine wichtige, durchaus für die einheimische Flora und Fauna positive Wirkung des Dingos wird dagegen herausgestellt:
Einerseits ist seine Auswirkung auf die einheimischen größeren Känguruarten durchaus nachweisbar, größere Känguruarten nehmen in ihren Beständen deutlich zu, wenn die Dingos abnehmen. Dies wiederum hat negative Auswirkungen auf die Vegetation, die Anwesenheit von Dingos in einem Gebiet kann also durchaus für die Pflanzenwelt eine positive Wirkung haben.
Zum Zweiten ist, wie übrigens auch auf vielen anderen Kontinenten, das Phänomen der sogenannten Mesoprädatoren-Freisetzung (Mesopredator Release) von Bedeutung. Dingos halten Füchse und Katzen, die beiden wichtigsten eingeschleppten Feinde kleiner und mittelgroßer einheimischer Säugetiere, ganz offensichtlich kurz, und in mehreren Fällen wurden Fuchsangriffe auf Bestände heimischer Beutetiere sehr schnell nach dem Verschwinden der Dingos in einem Gebiet dokumentiert. Die Auswirkungen auf das Ökosystem – und zwar offensichtlich egal ob Wald, Grasland oder Wüste – sind also durchaus eher positiv zu sehen.
Die nächsten beiden Kapitel sind besonders interessant auch für diejenigen, die sich mit dem Verhalten des Haushundes in Menschenhand beschäftigen. Das Kapitel über Intelligenzleistungen zeigt, dass Dingos in sehr vielen Fällen die in Budapest, Leipzig und anderen Instituten angewendeten Intelligenz – Kognitions- und Kommunikationstests mit dem Menschen ebenso bestehen. Auch der durch Internetfilme weitgehend bekannte Fall des Dingos, der sich einen Tisch heranzieht, um dann ein aufgehängtes Stück Fleisch von der Decke zu holen, wird in Bild und Schrift ausführlich beschrieben. Auch in anderen Fällen zeigen Dingos Problemlösefähigkeiten, die durchaus denen von Haushunden von Menschenaffen entsprechen können. Auch hier werden wieder die Vergleiche zwischen Wolf, Dingo und Haushund in einer Übersichtstabelle dargestellt.
Das nächstfolgende Kapitel beschäftigt sich mit der Persönlichkeit von Dingos, und speziell dabei auch mit ihrer Eignung oder Nichteignung als Haustiere. Der Autor selbst maßt sich kein Urteil an, er schreibt, dass Dingohaltung als Heimtier zwar für ihn selbst  nicht in Frage käme, er jedoch durchaus Respekt und Achtung vor denjenigen hat, die es schaffen, diese einmalige Tierart als Begleittier zu halten.
Im nächsten Kapitel wird speziell die Praxis und die Bedeutung privater Dingoparks, auch hier durchaus modellhaft zu sehen für die vielen, derzeit aus dem Boden schießenden privaten Wolfparks bei uns, diskutiert.
Der Ausblick, der die Zukunft des Dingos in Australien bespricht, hält nochmals fest, dass vor allem die Vermischung mit dem Haushund, und gegebenenfalls eben die starke Populationszunahme des Menschen als mögliche Gefahren darzustellen wären.
Ingesamt also ein sehr wichtiges und lesenswertes Buch, dass nicht nur den Liebhabern der australischen Fauna oder der frei lebenden Wildkaniden, sondern auch den am Haushund und seiner Vorfahrenreihe interessierten und nicht zuletzt eben den vielen, selbst ernannten oder auch wirklich aktiven WolfschützerInnen in unserem Land zur Lektüre empfohlen werden kann. (Udo Gansloßer)