23.12.2015

Rezension: H wie Habicht

H wie Habicht
Helen Macdonald

Allegria Verlag, 2015
416 Seiten
ISBN 978-3793422983
20,00 €

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Inhalt
Der Tod ihres Vaters trifft Helen unerwartet. Erschüttert von der Wucht der Trauer wird der Kindheitstraum in ihr wach, ihren eigenen Habicht aufzuziehen und zu zähmen. Und so zieht das stolze Habichtweibchen Mabel bei ihr ein. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Tier entwickelt sich eine konzentrierte Nähe zwischen den beiden, die tröstend und heilend wirkt. Doch Mabel ist nicht irgendein Tier. Mabel ist ein Greifvogel. Mabel tötet.
,Ein Buch über die Erinnerung, über Natur und Freiheit - und über das Glück, sich einer großen Aufgabe von ganzem Herzen zu widmen.



Rezension

„H wie Habicht“ ist eine Mischung aus deprimierender Biografie und dem Tagebuch einer Falknerin. Es ist fesselnd, tief berührend und in einer wunderschönen, poetischen Sprache geschrieben.
Dennoch fühlte ich mich bei der Lektüre hin und her gerissen. Emotional war es für mich teilweise äußerst quälend, zu lesen wie der Habicht abgerichtet wurde, und ich fragte mich immer wieder: Warum tut sie das dem Tier an? Helen leidet unter dem Tod ihres Vaters und beschließt daraufhin einen Greifvogel zu kaufen, einzusperren und zu zähmen, um sich ihre Kindheitsträume zu erfüllen und ihre persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Als jemand, der wilde Wölfe beobachtet stelle ich mir vor, wie es wohl wäre, wenn ich das einem Wolf antue: Ich hole ihn als Jungtier zu mir ins Haus, zähme ihn, halte ihn in der Wohnung, nehme ihn dann mit auf die Jagd und helfe ihm dabei, Beutetiere zu reißen. Jeder der halbwegs bei Verstand ist, wird das für eine absurde Idee halten.
Mabel, der Habicht, wird zu einem Leben gezwungen, das nicht natürlich ist. Das erzeugt bei aller Faszination, mehr über Greifvögel und ihre Abrichtung zu erfahren, beim Leser ein schmerzhaftes Gefühl des Unbehagens und Mitgefühls. Der Autorin ist dies durchaus bewusst. Sie liegt selbst im Widerspruch zwischen dem Wunsch, Mabel frei zu sehen und dem Bedürfnis, sie zu verstehen, in sie einzutauchen und so von ihrem Verlust zu heilen.
Trauer und Heilung durch Eintauchen in die natürliche Welt habe ich selbst mehrfach erfahren. Gleichwohl bin ich der Meinung, dass ich dazu diese natürliche Welt nicht manipulieren muss, sondern dass es reicht, sie zu beobachten, um eins mit ihr zu werden.
Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich hier weder die Falknerei verurteilen noch über sie diskutieren möchte. Dazu kenne ich die Materie viel zu wenig.
Als Leser – und als Tierfreund – komme ich nicht umhin, durch die äußerst intensiven Beschreibungen der Autorin mit dem Habicht zu fühlen und zu leiden.
Helen Macdonald empfindet diesen Konflikt selbst und nutzt ihn, um über Leben und Tod zu philosophieren.
Auch wenn ich „H wie Habicht“ überwiegend mit quälendem, schmerzenden Mitgefühl für Mabel gelesen habe, so hat mich die Sprache der Autorin in all ihrer Schönheit und Poesie fasziniert und in ihren Bann gezogen.

Ein großes Kompliment auch an Ulrike Kretschmer für die sicher nicht leichte und sehr gelungene Übersetzung. (ehr)