25.02.2016

Mehrfachtötung von Schafen ist KEIN Blutrausch und KEINE Mordlust

Dringen Wölfe in eine Schafherde ein und töten mehrere Tiere, ist der Schock und die Wut der Besitzer bei diesem Anblick absolut verständlich. Dennoch ist der Wolf kein »blutrünstiger Massenmörder«.

Das Phänomen der Mehrfachtötungen ist bisher noch nicht ausreichend erforscht.
Das wissen wir bisher:
Wie viele Beutetiere ein Wolf auf einmal tötet und wie viel er von seiner Beute frisst, hängt auch davon ab, wie leicht die Tiere zu töten sind. Weidetiere besitzen keine natürlichen Verteidigungsmethoden gegen Wolfsangriffe und sind außerdem in einem Gatter unausweichlich zusammengepfercht. Für einen Wolf sind sie leichte Beute – im Gegensatz zu wilden Beutetieren, hier gibt es kaum Mehrfachtötungen.
Was passiert, wenn Wölfe mehr Tiere töten, als sie fressen können?
Die Wölfe befinden sich zunächst in einer Situation, die gänzlich anders ist, als sie sie normalerweise kennen. Gesunde wilde Beutetiere sind schwer zu erlegen. Werden sie angegriffen, fliehen sie oder stellen und wehren sich. Treffen die Beutegreifer jedoch auf eine Schafherde, finden sie dort leichte Beute im Überfluss. Wölfe, die normalerweise nicht wissen, wann und woher sie das nächste Futter herbekommen, sind darauf programmiert zu töten, wann immer es möglich ist. Beim »Surplus Killing« läuft wie bei jeder Jagd das ganz normale »Programm« ab: Rennende Schafe lösen immer wieder von Neuem den Tötungsreflex beim Beutegreifer aus. Zum Fressen kommt der Wolf dabei nicht, weil er durch die anderen rennenden Schafe immer wieder unterbrochen wird. Die getöteten Tiere bleiben liegen.
Normalerweise fressen Wölfe einen Kadaver so weit wie möglich auf. Ich kann in Yellowstone immer wieder beobachten, dass Wolfsfamilien einen Kadaver innerhalb weniger Tage komplett vertilgen – es sei denn, sie werden dabei gestört oder andere Aasfresser beteiligen sich am Festschmaus. Oft legen die Wölfe auch Lager an, wo sie das Fleisch verstecken. Darum muss eine solche Mehrfachtötung keine „Verschwendung“ für den Wolf bedeuten. Hätte er die Gelegenheit, würde er zurückkommen und die restlichen Tiere auffressen. Dave Mech berichtet aus Alaska, wo sieben Wölfe mindestens 17 Karibus getötet hatten. Natürlich konnten sie sie nicht alle auf einmal auffressen. Aber innerhalb von fünf Tagen waren 30 bis 95 Prozent eines jeden Kadavers gefressen oder in Lagern versteckt worden. Drei Monate später waren die meisten Lager ausgegraben und das Fleisch komplett gefressen worden.
Für Nutztierbesitzer ist es wichtig – wenn auch nicht sehr tröstlich – zu wissen, dass die Wölfe selbst bei einem so schrecklichen und schockierenden Zwischenfall nicht darauf aus sind, aus reiner Mordlust und Blutgier ihre Schafe zu töten (und ihre Existenz zu vernichten), sondern dass sie nur instinktiv auf ein Verhalten der Tiere reagieren. (Elli H. Radinger)


Wölfe in den Abruzzen haben ein Schaf getötet und fressen es auf. (Foto © Gunther Kopp)