10.03.2016

Rezension: Das verborgene Leben des Waldes

Das verborgene Leben des Waldes
Ein Jahr Naturbeobachtung

David G. Haskell
Verlag Antje Kunstmann, 2015
288 Seiten
ISBN 978-3956140617
22,95 €

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Inhalt
Die Welt in einer Nussschale: Über ein Jahr hat der amerikanische Biologe David Haskell einen Quadratmeter altgewachsenen Wald immer wieder besucht und bis ins Detail studiert. Ausgerüstet nur mit Objektiv, Lupe und Notizbuch, Zeit und Geduld, richtet der Biologe seinen Blick auf das Allerkleinste: Flechten und Moose, Tierspuren oder einen vorbeihuschenden Salamander, Eiskristalle oder die ersten Frühlingsblüten. Und entfaltet mit dem Wissen des Naturforschers und der Beschreibungskunst eines Dichters ein umfassendes Panorama des Lebens im Wald, des feingewobenen Zusammenlebens in einem jahrhundertealten Ökosystem. Eine Grand Tour zwischen Wissenschaft und Poesie, die die Natur in ihrer ganzen Komplexität und Schönheit erfahrbar macht.

Rezension
Sich auf etwas „Kleines“ zu fokussieren ist heutzutage eher ungewöhnlich und geht gegen den Trend. Ein ganzes Jahr immer wieder dasselbe Stückchen Land – einen Quadratmeter eines Waldes in Tennessee – zu erforschen, klingt wie eine Strafaufgabe.
Aber das täuscht.
Der Autor hat dieses Stück Land ein ganzes Jahr jede Woche einen Tag lang besucht – nur mit einer Lupe bewaffnet – und erzählt in 45 Essays von seinen Betrachtungen dieses Mikrokosmus. Er hat sich dabei vorgenommen, das Land nur zu beobachten, nichts zu zerstören oder zu entfernen. Vielmehr nutzt er seine Beobachtungen, um über weitere Bereiche des Ökosystems zu referieren.
Aufgrund des Klappentextes hatte ich ursprünglich erwartet, ausschließlich etwas über dieses Stück Land zu erfahren. Aber dann lernte ich etwas über Vögel, Pilzen, wie sich sich Pflanzen vermehren, über mikroskopisch kleine Tiere, Flechten und wie der Klimawechsel über das Jahr hinweg, das Leben auf dem kleinen Stück Land strukturiert. Am Ende blieb ein großer Überblick über das gesamte mit dem Land verbundene Ökosystem.

Gleichwohl hat mich die Lektüre des Buches irritiert. Geschrieben wurde es von einem Professor für Biologie, also von einem Wissenschaftler, der fähig sein sollte, vorurteilsfrei zu recherchieren. Absolut unverständlich sind daher für mich folgende haarsträubenden Aussagen zum Wolf auf Seite 191:
„Weil sie (Wölfe) im Rudel jagen, können Sie mit Leichtigkeit Tiere reißen, die schwerer sind als sie, auch Menschen. Wir sind ihre Beute; unsere Ängste sind also nicht unbegründet. Mit ihrem Verhalten befeuern Wölfe die Flamme dieser Furcht. Wolfsrudel verfolgen einsame menschliche Wanderer tagelang, vielleicht planen sie sogar ihren Tod. … Dass der Mensch auf der Liste seiner Lieblingsspeisen weit unten rangiert, ändert daran wenig.“
Ich weiß nicht, woher dieser Rückfall ins Mittelalter kommt. Die angegebenen Quellen beziehen sich auf ein Buch von 1995. Hier hätte ich von einem Biologen erwartet, dass er keine überholten Vorurteile verbreitet, sondern sich mit der neueren Forschung beschäftigt. Solche Aussagen sind Wasser auf die Mühlen der Wolfsgegner und machen die jahrelange Arbeit vieler Artenschützer zunichte.
Wegen dieser – falschen – Aussagen gibt es bei mir einen deutlichen Punkteabzug. Ohne solchen Unsinn hätte das Buch bei mir volle Punktzahl bekommen.
Das Buch gilt als eines der besten Naturbücher. 2013 war es Finalist für den Pulitzerpreis Sachbücher.

Wer mehr über den Wald wissen will, dem empfehle ich daher Peter Wohllebens Buch „Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren - die Entdeckung einer verborgenen Welt.“ (ehr)