25.03.2016

Rezension: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts
Roland Schimmelpfennig
S. FISCHER, 2016
256 Seiten
ISBN 978-3100024701
19,99 €

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Inhalt
Nachts auf einer eisglatten Autobahn, 80 Kilometer vor Berlin: Ein Tanklaster legt sich quer und kippt um. Auf dem Standstreifen, kurz im Blaulicht der Feuerwehr: ein einzelner Wolf.
Bis Berlin reichen die Spuren des Wolfs, und sein Weg kreuzt sich immer wieder mit den Wegen und Schicksalen unterschiedlicher Menschen. Mit zwei Kindern, die von zu Hause weggelaufen sind und durch Wald und Stadt irren. Mit dem polnischen Bauarbeiter, der verzweifelt nach seiner Freundin sucht. Mit der Frau, die morgens auf dem Balkon die Tagebücher ihrer Mutter verbrennt.
Wie in einem Schwarzweißfilm, in dem gelbes Winterfeuer flackert, ziehen die Bilder und Geschichten dieses Romans an uns vorbei. Sie erzählen vom Suchen und Verlorensein, von der Kälte unserer Zeit und der Sehnsucht nach einem anderen Leben. Ein Roman von großer visueller Kraft, dessen Poesie und Schönheit man sich nicht entziehen kann.

Rezension
Das Buch beginnt und endet mit einem Wolf. Dazwischen liegen 252 Seiten Trostlosigkeit, Kälte, Distanz. Warum es dennoch – oder gerade deshalb – so schwer ist, das Buch aus der Hand zu legen, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht, weil man hofft, doch irgendwo noch auf ein wenig Wärme zu treffen?
Die Sprache des Autors ist minimalistisch und unpersönlich. „Der Vater des Mädchens“, „der Mann“, „die Frau“, wenige Namen.
Der Wolf – der ebenso trostlos auftritt wie die Menschen im Buch – tut das, was Wölfe tun: Auf der Suche nach Nahrung läuft er durch die Dörfer und nähert sich Berlin. Dabei bleibt er auf Distanz zu den Menschen - zumindest die meiste Zeit. Die Aufregung, die er dabei hervorruft, ist realistischer beschrieben als so mancher tatsächliche, sensationsgierige Zeitungsbericht. Jeder geht mit dem Wolf aus seine Weise um, je nach Erziehung und Vorurteilen. Das macht die Lektüre für uns Wolfsfreunde sehr sympathisch. Sie liest sich eher wie eine neutrale Reportage. Das einzige Wesen, zu dem ich als Leser eine gefühlsmäßige Verbindung aufbauen konnte, war der Wolf. (Ich gebe zu, ich bin voreingenommen.)
Die Ähnlichkeit zwischen den Handlenden und dem Wolf ist erkennbar. Sie alle sind getrieben durch die äußeren Umstände und die Kälte der Gesellschaft. Erst, wenn man sich ganz auf die Lektüre einlässt, erkennt man, wie die Geschichten im Buch miteinander verwoben sind.
Das Buch ist in seinem ganz eigenen Stil schwierig zu lesen, hat aber gleichzeitig etwas Fesselndes, Faszinierendes, das den Leser nicht mehr loslässt. Es hat eine eigene Anziehungskraft. Am Ende jedoch bleibt die Sehnsucht nach Wärme. (ehr)