26.03.2016

Rezension: König Alkohol

König Alkohol
Jack London
Übersetzung mit Nachwort, Anmerkungen und Zeittafel von Lutz-W. Wolff
Deutscher Taschenbuch Verlag, 2014
288 Seiten
ISBN 978-3423143264
9,90 €

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Inhalt
Jack Londons stark autobiografischer Roman zeichnet den Weg des Autors in die Alkoholsucht nach. Als Ich-Erzähler beschreibt er darin seine ersten Begegnungen mit dem Alkohol, dessen Wirkung auf ihn, seine Abhängigkeit und die daraus resultierende Zerstörung. Das Werk, das bei Erscheinen im Jahr 1913 als Sensation galt, ist nicht nur eine Anklageschrift gegen den Dämon Alkohol, es ist auch das offene Geständnis eines Schriftstellers, der seiner Verzweiflung, seiner Wut und seiner Angst literarisch Ausdruck verleiht.

Rezension
Der Originaltitel des Buches lautete 1913 „John Barleycorn: Alcoholic Memoirs.“ John Barleycorn ist die Umschreibung für einen Whiskey. Der deutsche Titel „König Alkohol“ und die Einordnung des Buches als „Roman“ sind meiner Meinung nach verfehlt. Es handelt sich bei diesem Werk vielmehr um die verstörende Autobiografie eines Trinkers, der zudem noch einer der großartigsten Schriftsteller und Abenteurer seiner Zeit war.
London war eine Art „literarischer Supermann“, der aus schwierigsten Verhältnissen kam und schon in jungen Jahren einen erstaunlich harten Lebensweg hinter sich hatte. Mit dem Alkohol verbindet ihn eine Hassliebe.
Man muss hierzu wissen, dass zur Zeit der Entstehungsgeschichte des Buches Alkohol noch nicht als Droge galt und Alkoholismus nicht als Krankheit anerkannt war. Das Buch wurde vor der Prohibition veröffentlicht, die London nicht mehr erlebt hat. Es ist also keine „Kampfschrift“ gegen den Alkohol, als die es von vielen verstanden werden will, sondern die schmerzhafte Selbstdarstellung einer gequälten Seele.
Jack London ist, wie er selbst schreibt, „der geborene Kämpfer“, und stets auf der Suche nach etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt, getrieben von der Suche nach den Geheimnissen des Lebens.
Alkoholiker sind oft hoch sensible Menschen. Viele Schriftsteller gehören zu ihnen wie Poe, Hemingway, Bukowski, King. Vielleicht kann diesen Kampf des Autors und den wahren Sinn des Buches nur verstehen, wer selbst Alkoholiker ist. Ich bin seit über dreißig Jahren trocken und fühlte mich beim Lesen manchmal in meine ersten AA-Meetings zurückversetzt. Die Geschichten ähneln sich. Wie jeder echte Alkoholiker besteht auch London immer wieder darauf, „kein richtiger Alkoholiker“ zu sein und „jederzeit mit dem Trinken aufhören zu können“. Gleichzeitig beschreibt er eloquent seine turbulente Trinkerkarriere, um zu demonstrieren, welche Auswirkungen der Alkohol auf Körper, Geist und Seele haben kann. Er schreibt nicht nur, warum er Alkohol trinkt, sondern auch, warum er gerade einmal nicht trinkt. Manchmal glorifiziert er sein Trinken, meist jedoch lehnt er es ab. Lügen, Leugnen, Selbsttäuschung, Ausreden – alles gehört dazu, ebenso wie seine langen Phasen des Nicht-Trinkens, gefolgt von immer schlimmeren Abstürzen. London behauptet, sein einziger Grund zu trinken sei, dass Alkohol überall erhältlich sei. Er trinke als eine Art „soziale Pflicht“, wie das eben alle Männer so täten. London prangert die ständige Präsenz von Alkohol an und wird nach seinem Tod so zur Kultfigur der Prohibition.
Es wäre aber vermessen, „König Alkohol“ nur als die Geschichte eines Trinkers zu sehen. Sie ist auch die Biografie eines Genies, einer Berühmtheit. Von dem armen Jungen in San Franzisko zum gefeierten Schriftsteller und leidenschaftlichen Sozialisten – Jack London hat viele Seiten und eine großartige literarische Ausdrucksweise. Gegen Ende wird das Buch immer ehrlicher, schonungsloser und erschreckender. In den Kapiteln 35 bis 37 beschreibt er auf höchst lyrische und poetische Weise die „Weiße Logik“, die Dämonen und Depressionen, die ihn heimholen. Diese Kapitel sind schwer zu lesen und zu begreifen. Aber in ihnen erschließt sich dem Leser am meisten die Seele des Autors.
Jack London betont immer wieder, welches Glück er habe, trotz jahrelangem Trinken noch am Leben zu sein. Am 22. November 1916 verließ ihn dieses Glück. Er starb im jungen Alter von vierzig Jahren an den Folgen seines Medikamente- und Alkoholmissbrauchs auf seiner Ranch in Kalifornien.

„König Alkohol“ ist ein großartiges Buch, das ich jedem empfehlen möchte, nicht nur Jack London Fans, sondern auch allen, die in irgendeiner Form vom Alkohol betroffen sind, entweder selbst oder durch Familie und Freunde. Mich hat es sowohl traurig als auch dankbar gemacht. Es ist eine emotionale, aufrüttelnde Warnung vor dem Alkohol, heute aktueller denn je, und sollte seinen festen Platz direkt neben der blauen AA-Bibel haben.

Ein großes Lob und Dank gebührt der neuen Übersetzung von Lutz-W. Wolff. Das Nachwort, die Anmerkungen zum Text und die Zeittafeln sind ein zusätzlicher Gewinn für dieses außerordentliche Buch. (ehr)