02.05.2016

Stellungnahme zur Tötung von Wolf MT6

Wurde Kurti "zu Tode geliebt"?

Ich bin um eine persönliche Stellungnahme zur Tötung von MT6 (alias „Kurti“) gebeten worden. Bisher habe ich mich mit einer Beurteilung bewusst zurückgehalten, denn es ist zum einen sehr schwer, etwas zu sagen, wenn man die Berichte nur aus den Medien kennt. Und wir alle wissen, dass viele Medien, wenn es um den Wolf geht, gezielt einseitig und manipulativ berichten. Zum anderen ist die Situation emotional extrem hochgeschaukelt. Ich habe darum im Folgenden nur ein paar Gedanken zusammengefasst.

Als ich vom Abschuss hörte, war mein erster trauriger und resignierter Gedanke: „Du dummer, dummer Wolf. Warum hast du dich in diese Schwierigkeiten gebracht?“
Dann dachte ich: „Gott sei Dank musste er in kein Gehege!“ Ich denke, alle Beteiligten sind sich darüber einig, dass es massive Tierquälerei bedeutet hätte, einen wilden Wolf in einem Gehege unterzubringen.

Ich gehe davon aus, dass die Verantwortlichen sich die Entscheidung nicht leicht gemacht haben. Nicht die Männer, die den Wolf erschießen mussten; sie haben eine „Anordnung zur Gefahrenabwehr“ ausgeführt, und es ist gut, dass ihre Namen nicht veröffentlicht werden. Nicht die Politiker, die ein Jahr lang versucht haben, den Abschuss zu verhindern. Wurde genug getan? Der Wolf hatte ein Halsband erhalten, um zu verfolgen, wo er sich aufhält. Ein Experte aus Schweden war einflogen worden und musste unverrichteter Dinge wieder zurückkehren. Weitere intensive Vergrämungsmaßnahmen gab es anscheinend nicht, was sehr bedauerlich ist.
Wir alle haben gehofft, dass sich das Verhalten des Wolfes ändert. Aber das ist nicht geschehen. Fast ein ganzes Jahr lang hat das Tier gelernt, dass es sich ungestraft Menschen nähern kann. Ich persönlich bin der Auffassung, dass der Wolf gefüttert worden ist und/oder in irgendeiner Form erfahren haben muss, dass eine Annäherung an die Zweibeiner nicht nur keine Konsequenzen für es hat, sondern sogar belohnt wird.

Ob sein Tod gerechtfertig ist oder nicht, lasse ich dahingestellt.
Wurde Kurti „geopfert“, um die Gemüter zu beruhigen? Vielleicht.
War er gefährlich? Vermutlich nicht.
Ist die Regierung Niedersachsens mit dem Wolfsmanagement überfordert? Vieles spricht dafür.
Sind die Polizisten, die ihn getötet und die Politiker, die die Anordnung dazu gegeben haben „brutale Mörder“, als die sie im Internet beschuldigt werden? Natürlich nicht.

Den Wolf zu töten war mit Sicherheit auch eine politische Entscheidung, die wir nicht leichtfertig verurteilen können. Politiker haben eine Verantwortung und zwar allen Menschen gegenüber. Das heißt nicht nur den Jägern, Nutztierhaltern oder Wolfsschützern gegenüber, sondern auch denen gegenüber, die schlicht und einfach Angst vor dem Wolf haben. Das ist nun einmal so. Beim nächsten Hund, den Kurti dann vielleicht von der Leine einer Oma gerissen hätte, wäre das Geschrei groß gewesen.

Jeder weitere Zwischenfall hätte dem Image der Wölfe allgemein geschadet und nur diejenigen bestätigt, die gegen sie sind und „böser Wolf“ schreien. Jetzt werden die über 300 Wölfe in Deutschland, die sich irgendwo in unserer Nähe aufhalten und sich nicht blicken lassen, hoffentlich in Ruhe ihr Leben leben können. Bei den Zweibeinern scheint das dagegen nicht so einfach zu sein.

Als jemand, der schon unzählige Nah-Begegnungen mit wilden Wölfen hatte, stoße ich bei den Menschen an meine Grenzen. Wölfe bringen das Beste und das Schlimmste in uns heraus. So ist das wohl auch hier. Die Hasstiraden, die man im Netz lesen kann, sind erschreckend. Selbst auf den Seiten vermeintlicher Tierschützer. Ich war immer der Meinung, dass Tierschützer auch Menschenschützer sein müssten. Der Hass, die Mord- und Lynchandrohungen gegen die Polizisten zeigen, dass wir jedes Maß für Realität verloren haben, ganz zu schweigen von unserer Empathie für alle Lebewesen.

Wie geht es weiter?
Der Wolf ist tot. Wir können uns darüber aufregen, Mörder schreien, Kriege beginnen, uns anfeinden. Das ändert nichts. Wir müssen es akzeptieren und daraus lernen. Statt uns alle gegenseitig zu bekämpfen – Tierschützer gegen Jäger gegen Behörden – sollten wir noch mehr Energie darauf verwenden, Menschen aufzuklären. Es ist unsere Aufgabe, ihnen begreiflich zu machen, dass ein Wolf, der ihnen plötzlich gegenübersteht, keine Gefahr ist. Dass kein Grund besteht, Angst zu haben, dass sie aber auf keinen Fall verleitet werden dürfen, Wölfe zu füttern. Wir müssen noch mehr informieren, wie sich Wölfe Menschen gegenüber verhalten, denn aufgeklärte Menschen hätten vielleicht von Anfang an, Kurti gegenüber anders reagiert und ihn nicht auf irgendeine Art und Weise ermutigt, sich Menschen zu nähern.

Das gilt ganz besonders auch für die Wolfsfreunde, die das Glück haben, einen wilden Wolf zu sehen und die (verständlicherweise) diesen Augenblick irgendwie "festhalten" und wiederholen möchten. Waren sie ursächlich dafür, dass der Wolf so „zutraulich“ wurde? Ich weiß es nicht. Das muss jeder für sich selbst verantworten. Aber ich lege jedem dringend ans Herz, bei einer Wolfsbegegnung das zu tun, was für uns Wolfsfreunde am schwersten ist: Macht dem Wolf das Leben zur Hölle! Schreit ihn an und jagt ihn fort. Macht euch unbeliebt! Damit rettet ihr ihm vielleicht das Leben.

Hört auf, andere zu beschuldigen, sondern schaut nach vorn. Akzeptiert, was geschehen ist und lernt daraus. Das ist übrigens etwas, das Wölfe genauso machen würden. Wölfe sind wilde, intelligente und hoch soziale Tiere. Genießen wir es, wenn wir sie sehen, aber machen wir sie nicht zu „zahmen“ Gesellen, indem wir sie füttern oder sie ermuntern, sich uns zu nähern. Nur dann war Kurtis Tod nicht umsonst.

Und noch etwas zur Goldenstedter Wölfin. Ich glaube nicht, dass das Geschehen mit Kurti zum Anlass genommen werden kann, sie nun ebenfalls zu töten. Nutztierrisse sind nicht vergleichbar und lassen sich durch Schutzmaßnahmen vermeiden. Allerdings kann man nie wissen, was der Regierung von Niedersachsen sonst noch so alles einfällt ...

Jan Olsson hat eine Online-Petition zum Schutz dieser Wölfin eingestellt. „Mit dem Menschen! Für den Wolf.“ Mehr als 110.000 Unterstützer haben schon unterschrieben. Machen Sie bitte mit und unterschreiben Sie hier die Petition.

Foto © Gunther Kopp