03.07.2016

Rezension: How Dogs Work

How Dogs Work
Raymond Coppinger und Mark Feinstein
The University of Chicago Press, 2015
224 Seiten
Sprache: Englisch
ISBN 978-0226128139
$ 26 / € 25,05

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Inhalt
How well do we really know dogs? People may enjoy thinking about them as man s best friend, but what actually drives the things they do? What is going on in their fur-covered heads as they look at us with their big, expressive eyes? Raymond Coppinger and Mark Feinstein know something about these questions, and with "How Dogs Work," they’re ready to share; this is their guide to understanding your dog and its behavior …

Rezension

Raymond Coppinger ist zweifellos derjenige unter den zeitgenössischen Hundeforschern, der die Denkansätze und Konzepte der, bisweilen etwas abfällig als klassische Ethologie bezeichneten, Verhaltensbiologie kontinentaleuropäischer Herkunft am deutlichsten in seinen Arbeiten vertritt. Seine Untersuchungen drehen sich dementsprechend meistens um die Entwicklung von Verhaltensweisen, die er nicht mehr als angeboren, sondern als intrinsisch bezeichnet, und er betont sehr stark in allen Überlegungen die Verknüpfungen von Erbe und Umwelt, die ja letzten Endes heutzutage auch durch die Erkenntnis von epigenetischen Prozessen noch verkompliziert werden. Insofern ist Raymond Coppingers Buch keineswegs ein altbackenes oder gar überholtes Werk. Stattdessen zeigt er in seinem Buch sehr deutlich, wie moderne verhaltensbiologische Ansätze, verknüpft mit (auch hier die Nähe zu Lorenz) den Forschungsansätzen und Erklärungsmustern der vergleichenden Anatomie und Embryologie, zu einem besseren Verständnis hundlichen Verhaltens führen können. Der Titel ist bewusst zweideutig gehalten. Einerseits geht es auch in diesem Buch natürlich wieder um die Studien und Erkenntnisse, die Coppingers Arbeitsgruppe mit Herdenschutzhunden, Hütehunden und Schlittenhunden, also echten Arbeitshunden gewonnen hat. Andrerseits aber möchte er durchaus auch zeigen, wie der Hund als Lebewesen tickt. An einigen Stellen benutzt er durchaus eine Metapher, die eine maschinenähnliche Funktion eines Lebewesens hervorspielt. Trotzdem betont er auch, dass dies keine reines, Descartes'sches Modell sei. Höhere komplexere Verhaltensleistungen, die nur mit Hilfe eines Überlegens und einer Verhaltensplastizität ermöglicht werden, sind ihm keineswegs fremd.
Das Buch zeigt auf 243 Seiten, sehr gut recherchiert, welche interessanten Erklärungsmuster die genannte traditionell kontinentalethologische Theorie auch heute noch zu bieten hat. In vielen Fällen betont Coppinger vor allem, wie auch die Form und die Funktion sowohl eines Organs als auch eines Verhaltensablaufs eng und unlösbar miteinander verknüpft sind. Wie bereits Gordon Burkhardt in seinem Vorwort betont, versucht Coppinger in diesem Buch die Extreme sowohl einer kognitiven Übertreibung (Hunde als vierbeinige Genies) als auch des extremem Behaviorismus zu vermeiden und zwischen diesen beiden Klippen möglichst störungsfrei hindurchzunavigieren.
Coppinger und Feinstein betrachten also zunächst die Form, die den Hund zu seiner Funktion befähigt. In einem vorgeschalteten Kapitel jedoch wird auch beleuchtet, wie denn Ethologen so ticken, also die konzeptionelle Grundlage der Verhaltensbiologie wird, mit sehr vielen historischen und auch neueren Anmerkungen, dargestellt. Hier wird bereits eine der Grundideen von Coppinger und Feinstein ausgearbeitet, nämlich die emergenten, also sich selbst entwickelnden Strukturen. Emergence beschreiben die Autoren als die Erscheinung, dass auch einfach Eigenschaften und Prozesse in Wechselwirkung miteinander treten und dann wesentlich komplexere Strukturen und Verhaltensweisen zeigen, als die Summe der Einzelteile dies ermöglichen würde. Diese interessante Betrachtung wird von allem dann in einem späteren Kapitel über Spielverhalten und über die kognitiven Leistungen von Hunden ausgearbeitet.
Durchgängig, bereits in diesem Kapitel über die Wirkungsweise ethologische Betrachtungen zum ersten Mal, finden sich dann meistens Beispiele aus den genannten Arbeitshundprojekten der Coppingerschen Gruppe, um allgemeinbiologische und ethologische Grundprinzipien mit Beispielen zu erläutern.
Nicht nur die körperliche Form, auch die Form von Verhaltensabläufen, den motorischen Verhaltensmustern, wird in einem eigenen Kapitel behandelt, und wie nicht anders zu erwarten wird hier insbesondere die durch Coppingers Arbeiten allgemein bekannte Verhaltenskette des Beutesuchens, des Beutefanges bis hin zum Nahrungsverzehr genutzt, um sowohl allgemeine hundliche Prinzipien als auch Rasseunterschiede zu erläutern. Auch hier werden neben den grundsätzlichen Verhaltensabläufen wiederum die zu ihrem Studium notwendigen verhaltensbiologischen Datenerfassungen und Auswertemethoden besprochen. Dem Nahrungserwerbsverhalten wird dann noch ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem auch die ontogenetischen, also entwicklungsgeschichtlichen Abläufe deutlich behandelt werden.
Wie bereits erwähnt, benutzen Coppinger und Feinstein den Begriff des intrinsischen, also innenliegenden Verhaltens, um gerade beim Ablauf von Verhaltensmustern und deren langsamer Perfektionierung über die Ontogenese mit der Diskussion um angeborenes vs. erworbenes Verhalten, und um Innen- vs. Außenmotivation, weitgehend ausweichen zu können. Hier wird einerseits am Beispiel des Verlassenheitsrufs eines Welpen, und hierbei auch am Zeitablauf des Auftretens und Beantwortens dieses Rufes bei Welpe und Mutter im Laufe der Welpenentwicklung, nochmals über das Zusammenspiel von inneren und äußeren Faktoren sowie Schwellwerten diskutiert.
Anpassungsprozesse im ontogenetischen Entwicklungsprozess werden dann wiederum speziell am Beispiel der Sozialisierung von Herdenschutzhunden mit ihren Nutztieren, aber auch an anderen.
Von besonderer Bedeutung, insbesondere auch wegen der derzeit stattfindenden Diskussionen zwischen Coppinger und Marc Bekoff ist das nächste Kapitel, in dem das Konzept des emergent behavior, des sich selbst organisierenden Verhaltens an mehreren Beispielen dargelegt wird. Dass die Jagdstrategien eines Wolfsrudels keineswegs nur mit komplexen kognitiven Prozessen erklärt werden können, zeigt ein von Coppinger mit einigen Computerwissenschaftlern zusammen entwickeltes Modell. Zwei einfache Entscheidungsregeln, nämlich sich einerseits nur aber genau bis zu einer kritischen Distanz sich dem Beutetier zu nähern, und dann, sobald man diese kritische Distanz erreicht hat, einen möglichst großen Abstand zu anderen Wölfen einzuhalten, reichen bereits aus, um das Umzingeln und immer wieder Belästigen eines eingekreisten potentiellen Beutetiers sehr gut modellieren und darstellen zu können. In einschlägigen Veröffentlichungen von Coppinger und Coautoren zeigen demgemäß wirklich, dass mit diesen beiden einfachen Entscheidungsregeln eine Umzingelung und Belagerung der Beute nahezu wirklichkeitsgetreu vorhergesagt und simuliert werden kann. Als zweites Beispiel für die Selbstorganisation emergenten Verhaltens wird dann die Motivationsanalyse des Bellens, in seinen verschiedenen Kombinationen und Situationen besprochen.
Spielverhalten wird, wie könnte es anders sein, einem eigenen Kapitel unterzogen. Hier sind vor allem die Betrachtungen der als Spielverbeugung bezeichneten Vorderkörpertiefstellung von Interesse. Coppinger und Feinstein verneinen keineswegs, dass Spielverhalten adaptive Funktionen haben könnte. Sie benutzen jedoch die von ihnen dargelegten, zur Selbstorganisation des Verhaltens führenden Konzepte, um eine allzu stark auf kognitive Fähigkeiten und höhere geistige Leistungen des Verhaltens ausgerichtete Betrachtung des Spielens zu kritisieren.
Betrachtet man diese Diskussion, so könnte, wie meistens, wahrscheinlich die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegen. Auch wenn Verhaltensweisen, wie etwa die Vorderkörpertiefstellung als Konfliktverhalten (beachtenswert ein Foto, in dem sich ein Wolf einer Bisongruppe in dieser, wohl jetzt kaum spielerisch gemeinten Verhaltensweise nähert), dann kann durch aus ein Ritualisierungsprozess aus einem ursprünglich dem ambivalenten Konfliktverhalten zugeschriebenen Bewegungsablauf entstanden sein. Man erinnere sich an die berühmte Arbeit über die Ritualisierung des Balzverhaltens bei verschiedenen Entenarten durch Konrad Lorenz selbst. Auch hier nimmt die noch so komplexe und mit Schmuckfedern ausgestattete Verhaltenskette oftmals ihren Ursprung in einem einfachen Übersprungsputzen oder einem anderen, aus ambivalenter Motivationslage entstehenden Verhaltensmuster.
Wenn man Coppinger und Feinstein bis zu diesem Punkt gelesen hat, wird man auch nicht überrascht sein, dass sich das nächste Kapitel mit den höheren kognitiven Leistungen von Hunden beschäftigt. Hier geht es vor allem um die Frage, inwieweit Hundegehirne als informationsverarbeitende, informationssammelnde und dann auch beantwortende Organe arbeiten können, ohne dass höhere Formen des Bewusstseins dazu nötig sind. An einer Stelle schreibt das Autorenduo, dass ganz sicher kein Bewusstsein im Sinne von „ich hüte jetzt Schafe“ im Gehirn eines Border Collies vorhanden sein muss, wenn er gerade sein intrinsisches Hüteverhalten zeigt. Nichtmenschliche Tiere haben nach Ansicht von Coppinger und Feinstein selbstverständlich informationsverarbeitende Prozesse und ein Gehirn, dass Informationsverarbeitenden Prozesse in einer kritischen angepassten Art und Weise zum Steuern des Verhaltens nutzt. Sie müssen jedoch nach Ansicht der beiden kein explizites Bewusstsein oder einen höheren Sinn für die Erfahrungen ihre mentalen und informationsbezogenen Zustände haben.
Nach diesem, möglicherweise für einige Befürworter einer hohen kognitiven Intelligenz des Hundes ernüchternde Betrachtungen kehren die beiden Autoren im Schlusswort dann nochmals zur Komplexität der Verknüpfung zwischen Verhaltensmustern, Erfahrung, Umwelt und den Informationsprozessen zurück. Und hier betonen sie dann nochmals den Unterschied zwischen einem erfolgreich arbeitenden Border Collie und einem Computer. Letzterer, so wird erwartet, sollte sofort richtig funktionieren, wenn man ihn aus der Schachtel holt. Ein Border Collie oder anderer Arbeitshund dagegen braucht lange Trainings-, Erfahrungs-, und Reifungszeiten bevor er, und das meist nur in einem bestimmten optimalen Alter (beispielsweise zwischen drei und sechs Jahren) seine Arbeit richtig und kompetent erledigen kann. Die Autoren selbst schreiben dann auch, dass sie durchaus mit Widerspruch zu ihren Thesen und Konzepten rechnen und diesen auch ermuntern. Als Wissenschaftler und Collegeprofessoren seien sie (meiner Meinung nach vollkommen zu Recht) eben der Meinung, dass nur aktives und auch kritisches Nachfragen und Nachforschen den Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis begünstigen könnte.
Das Buch ist mit einer Vielzahl von schwarzweiß Fotos, Grafiken und anderen Materialien sowie acht Farbtafeln von Hunden und anderen Beutegreifern in verschiedenen Verhaltenssituationen ausgestattet. Die wissenschaftliche Seriosität der Autoren spiegelt sich auch in insgesamt 10 Seiten sehr klein gedruckten Literaturverzeichnisses und 15 Seiten zweispaltig gesetzten Schlagwortregisters wieder.
How Dogs Work ist ein stimulierendes und für alle, die sich der ethologischen Betrachtung hundlichen Verhaltens zugeneigt fühlen, unbedingt lesenswertes Buch. Es zeigt, wie die Verhaltensbiologie tickt, wie Hunde möglicherweise ticken könnten, und wie verschiedene Arbeitshundrassen eben aus einer sehr ähnlichen, aber doch unterschiedlichen Grundform heraus zu einem völlig unterschiedlichen Lebensformtyp und Verhaltensprofil kommen können. (Udo Gansloßer)