22.08.2016

Rezension: Deutschland. Ein Wandermärchen

Deutschland. Ein Wandermärchen
Unterwegs mit einem Koffer voller Gedichte

Anna Magdalena Bössen
Ludwig Buchverlag, 2016
368 Seiten
ISBN 978-3453280762
16,99 €

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Inhalt
Mit Fahrrad und Gedichten auf der Walz – eine andere Reise durch unser Land.
Bin ich Deutschland? Um das zu erfahren, reist die die Rezitatorin Anna Magdalena Bössen durch die ganze Republik und ein wenig über die Grenzen hinaus. Wie die alten Geschichtenerzähler tritt sie überall dort auf, wo sie eingeladen wird. Dafür gibt sie ihre Wohnung auf, lässt den Job ruhen und wagt das Leben neu. Die Autorin wird Mitmenschen treffen und Zeitzeugen sprechen, beim Adel residieren und in Wohnzimmern rezitieren, Dörfer entdecken und in Städten versinken – und lernen, warum aus jeder Richtung der Gegenwind kommt.
Ein Buch, das von der Freiheit des Unterwegsseins erzählt und dieses Land und seine Menschen auf eine ebenso lebendige wie ehrliche Weise einfängt. Ein Buch voller Begegnungen und Entdeckungen, voller Überraschungen und Erfahrungen: ein Wandermärchen!

Rezension
„Deutschland. Ein Wandermärchen“. Warum WANDERmärchen? Die Autorin ist mit dem Rad unterwegs. Das war für mich auf den ersten Blick irritierend, hatte ich doch vom Titel her eher einen Wanderer erwartet. Aber gut, Radwandern ist auch eine Form des Wanderns.
Mich hat das Buch in jeder Hinsicht fasziniert. Da ist die Idee der Autorin, mit dem Fahrrad durch Deutschland zu fahren und gegen Kost und Logis aufzutreten und Gedicht und Geschichten zu rezitieren. Ein mutiges Unterfangen. Wenn ich als Autorin Lesungen halte, bin ich heilfroh, wenn ich mich nach der Lesung in ein anonymes Hotelzimmer zurückziehen kann und meine Ruhe habe. Nicht so die Autorin. Sie übernachtet bei wildfremden Menschen in deren Haus, muss mehr oder weniger notgedrungen „Konversation“ machen – und darüber hinaus auch mit dem Rad zu ihren Veranstaltungen fahren. Dabei ist sie noch fit genug, am Abend aufzutreten und ihr Publikum zu unterhalten. Und das alles ohne Honorar. Wer einmal sein Lebensunterhalt als freier Künstler verdient hat, weiß, wie todesmutig das ist. Aber vermutlich kann man nur so wirklich ein Land und seine Menschen kennenlernen.

Heimat ist in. Zeitschriften wie „Landlust“, „Landliebe“ oder „Liebes Land“ haben Hochkonjunktur. Noch nie haben so viele Deutsche Urlaub im eigenen Land gemacht. Die Sehnsucht nach einem Zuhause ist Teil eines neuen Eskapismus. Wir haben die Nase voll von Krieg, Terror und schlechten Nachrichten und sehnen uns nach einer heilen Welt, in der wir uns geborgen fühlen.
Anna Magdalena Bössen lässt uns teilhaben an ihrer Suche nach Heimat, einem Ort, an den sie gehört. Und wir kommen bei der Lektüre des Buches nicht umhin, uns ebenfalls zu fragen: Wo ist mein Platz in der Welt?
Bössen stellt Fragen und stellt vieles in Frage. Sie wirft einen philosophischen und politischen Blick auf unser Land und seine Menschen. Besonders gefallen haben mir ihre Gedanken über Europa und ihre Warnung, nicht zu vergessen, wie viel wir mit unseren Nachbarn gemeinsam haben und wie einzigartig dieses vereinte, friedliche Zusammenleben unterschiedlichster Länder und Kulturen ist. Manchmal braucht man in einer schwierigen Zeit wie der unseren eine solche Erinnerung.
Das „Wandermärchen“ macht Sehnsucht, weckt Erinnerungen und schafft Träume. Als Leser lerne ich durch die Augen und Erlebnisse der Autorin neue Landschaften und Orte kennen, die ich vielleicht einmal selbst besuchen möchte.
Am Ende findet die Autorin ihren Platz nicht an einem Ort, sondern im Herzen eines Menschen.
Danke für dieses wunderbare Buch, das mich mein Land mit neuen Augen sehen lässt. (ehr)