26.08.2016

Wolfstourismus in Deutschland

Ein Erlebnisbericht aus Niedersachsen
(Fotos: Kenny Kenner)

Ich führe seit 20 Jahren im Yellowstone-Nationalpark Touristen zu den Wölfen. Wir sind verwöhnt, erleben wir doch täglich Wolfssichtungen und können manchmal sogar Nahbegegnungen erleben. Dass dies in Deutschland nicht möglich ist, ist schade, wenngleich bei unserer Wolfshysterie vielleicht auch besser so. Im Sommer war ich für das neue Wolfsbuch auf Recherche als Wolfstourist Niedersachsen. Hier ein kleiner Auszug aus meinen Erlebnissen. (Einen detaillierten Bericht zu denen, "die mit den Wölfen tanzen", könnt ihr nächstes Jahr im Buch lesen.

Das Vier-Häuser-Örtchen Dübbekold  liegt rund 30 Kilometer Luftlinie von Gorleben entfernt, am Rand des Waldes Görde im Landkreis Lüchow-Danneberg in Niedersachsen. Der Staatsforst Göhrde („die Göhrde“) ist das größte zusammenhängende Mischwaldgebiet Norddeutschlands – und die Heimat mehrerer Wölfe, die bei ihren Wanderungen gelegentlich (unfreiwillig) Spaziergänger erschrecken (oder faszinieren – je nachdem, wen man fragt).
In diesem Wald stehe ich an einem Morgen im Juli und hoffe auf eine Wolfssichtung. Verwöhnt durch meine täglichen Begegnungen mit den Tieren in Amerika, mache ich mir keine Illusionen. Ein Heulen oder auch nur ein Trittsiegel würden mir reichen. Ich beobachte in der Ferne auf einer Wiese zwei Weißstörche bei der Futtersuche und einen Fuchs beim Mäusesprung, keine großen Kaniden.
Und dann plötzlich geht es los.
Der Wald bebt von zahlreichen Stimmen: laut und leise, hoch und tief, schrill und dunkel. Ein Chor aus 26 Stimmen heult. Nein, es sind keine Wölfe, sondern Kinder, die versuchen „Wolf zu sein“. Sie alle nehmen teil am „Familienurlaub auf den Spuren der Wölfe“, der vom BIO Hotel Kenners Landlust in Göhrde organisiert wird.

 
Das Hotel liegt idyllisch mitten im Grünen - und im Wolfsgebiet

Das Hotel ist Niedersachsens erstes klimaneutrales Hotel und hat sich ganz auf die Natur und insbesondere auf die Wölfe eingestellt. Mehrmals im Jahr bieten die Besitzer Kenny und Barbara Kenner Wolfswochen für Familien mit Kindern an.
Kenny Kenner ist seit 2007 Wolfsberater und außerdem NABU Wolfsbotschafter. Er hatte zunächst Bedenken. „Ich habe befürchtet, dass Stammgäste wegbleiben könnten, wenn wir auf den Wolf im Wendland aufmerksam machen. Doch unsere Gästezahlen sind sogar gestiegen. Unsere Wolfswochen für Familien mit Kindern sind unser am besten besuchtes Angebot, wir haben dadurch viele neue Besucher gewonnen“, sagt er.

 
Die Kinder bereiten sich mit Wolfsmasken auf ihr Theaterstück vor

In den Wolfswochen dreht sich alles um das scheue Wildtier. Kinder errichten in der „Waldzeit“ Fotofallen und gehen mit Kenny Kenner auf Wanderung und Spurensuche. Sie besuchen eine Schäferin mit Hunden und spielen in einem selbst entwickelten Theaterstück das Zusammenleben in einem Wolfsrudel nach. In diesem Jahr lautet das Thema „Der Wolf – vom wilden Tier zum lieben Haushund“. Auch für die Eltern gibt es ein „wölfisches“ Programm mit Wolfswanderungen mit dem Wolfsberater und einem Abendvortrag mit dem Thema „Leben mit Wölfen“.

 
Die Erwachsenen sind unterdessen auf der Spur der Wölfe ...

Das Heulen, das ich an diesem Morgen im Wald höre, kommt aus 26 Kinderkehlen im Alter von fünf bis fünfzehn, die gemeinsam mit der Försterin Tatjana Jensen lernen, wie Wölfe sind; wie sie jagen, riechen, sich verständigen. Die Kids sind begeistert dabei, die Eltern müssen sich nicht sorgen, denn bei diesem Lärm sind die echten Wölfe schon längst über alle Berge.
Kenners Frau Barbara betont: „Wir wecken nicht die Erwartung, dass man einen Wolf sehen kann. Doch das ist auch gar nicht nötig, denn wer auf unseren Führungen eine Spur oder etwas Wolfskot findet, freut sich und ist stolz.“
Während des Essens (natürlich rein biologisch) spreche ich mit einigen Eltern. Sie kommen mit ihren Kindern hierher, weil für sie der Wolf gleichbedeutend ist mit einer intakten Umwelt. Sie lernen, dass man sich vor dem Wildtier nicht fürchten muss und genießen den Aufenthalt in der Natur.
Im Jahr 2014 erhielt die „Wolfswoche“ in der Kategorie „Reisen mit Kindern“ die begehrte Touristikauszeichnung Goldene Palme von Geo Saison für das Programm „Wer hat Angst vorm bösen Wolf?“

Und werden fündig ... Wolfslosung!

„Hat jemand hier schon einen Wolf gesehen?“, frage ich am Abend, nachdem ich einen kleinen Wolfsvortrag gehalten habe, in die Runde der Gäste. Bedauerndes Kopfschütteln.
„Doch ich!“, meldet sich Barbara Kenner. „Drei Mal! Und einmal stand einer auf dem Radweg vor mir!“ Wir beneiden sie. Und wir werden wiederkommen und erneut versuchen, einen wilden deutschen Wolf zu entdecken. Vielleicht sind wir ja irgendwann einmal zur rechten Zeit am rechten Ort. Das ist der „Suchtfaktor Wolf“.

BIO Hotel Kenners Landlust mit Wolfsprogramm: www.kenners-landlust.de 

Mehr zum Wolfstourismus in Deutschland im neuen Buch „Der Wolf kehrt zurück“.