25.10.2016

Rezension: Blattgeflüster

Blattgeflüster
Die wunderbare Welt der Pflanzen. Aus dem Leben einer leidenschaftlichen Forscherin
Hope Jahren
Ludwig Verlag, 2016
416 Seiten
ISBN 978-3453280694
22,90 €

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Inhalt
Eine hinreißende Geschichte über Pflanzen, Liebe und die Wissenschaft.
Hope Jahren hat das, wovon viele Menschen träumen: einen Beruf, der ihr Herz und ihr Leben erfüllt. Seit sie denken kann, ist die Geo-Biologin fasziniert von der Natur – von Pflanzen, Bäumen, Blättern, Samenkörnern und den unglaublichen Geschichten, die sie uns erzählen, sogar noch in fossiler Form. Wie ist es beispielsweise möglich, dass ein Kirschkern hundert Jahre lang geduldig warten kann, bis er sich auf einmal dazu entscheidet zu keimen? Hope Jahrens Werdegang von der kindlichen Forscherin zur angesehenen Wissenschaftlerin, die sich trotz zahlreicher Hindernisse in einer Männerwelt behauptet, ist eine inspirierende und mitreißende Geschichte voller Leidenschaft, Durchhaltevermögen und ewiger Neugierde. Ein wunderbares Gleichnis über die Kraft der Natur und die Freude des Entdeckens, das einen ganz neuen Blick auf die Pflanzenwelt eröffnet. Seite für Seite. Blatt für Blatt.

Rezension
Die obige Inhaltsangabe des Verlags gibt nicht annähernd die Tiefe und den Facettenreichtum des Buches wider, das mich in seinen Bann geschlagen hat. Darum wird diese Rezension auch wohl etwas länger ausfallen als meine üblichen Buchbesprechungen.
Der Ludwig Verlag hat sich mit unterhaltenden Sachbüchern über Natur und insbesondere Pflanzen und Bäume einen Namen gemacht. (Bespiel: die großartigen Bücher von Peter Wohlleben.) Mit „Blattgeflüster“ ist ein weiteres Buch mit „grünem“ Inhalt erschienen. Und was für ein Buch! In den USA steht es auf den vorderen Plätzen der Bestsellerlisten und wurde von verschiedenen Medien (TIME, Entertainment Weekly) zum „besten Buch des Jahres 2016“ gelistet. Das TIME Magazin nannte die Autorin Hope Jahren sogar eine der „100 einflussreichsten Menschen“. Das ist ein hoher Anspruch. Schauen wir, ob das Buch ihn erfüllen kann.
„Blattgeflüster“ erschließt sich dem Leser nicht so leicht wie die Bücher von Wohlleben. Es ist von einer Wissenschaftlerin geschrieben, und das merkt man ihm an. Dennoch ist es leicht verständlich – soweit das bei den Beschreibungen von detaillierten Laborexperimenten möglich ist. Interessant und spannend wird es besonders, wenn die Autorin aus ihrem Leben erzählt. Im Grunde besteht das Buch aus zwei Teilen: dem biologischen Sachbuch und der Biografie der Autorin. Beide sind miteinander verwoben und wechseln sich kapitelweise ab.
Für mich ist „Blattgeflüster“ weniger ein Pflanzenbuch als die Biografie einer leidenschaftlichen Wissenschaftlerin. Darum trifft meiner Meinung nach der englische Titel auch sehr viel besser zu: „Lab Girl“ (Labormädchen).

Die Autorin
Im Prolog ahnt der Leser schon, was auf ihn zu kommt: Hope Jahren kommuniziert mit uns direkt – „von Wissenschaftler zu Wissenschaftler“ – und nimmt uns mit in ihre Welt.
Die ersten Zeilen sind irritierend und und ungewöhnlich. Die Autorin beschreibt die Perfektion eines Rechenschiebers. Ein Rechenschieber(mit „Degen“ und „Läufer“)! Wissen Sie überhaupt noch, wie so was aussieht? Die Jüngeren unter uns werden sicherlich googeln müssen. Hope spielte als Kind im Labor ihres Vaters mit Rechenschiebern. Mit diesem Buchanfang hat die Autorin meine Neugier geweckt und lässt mich nicht mehr los.
Jahren wuchs in Minnesota auf, einem US-Staat, in dem fast jeder Bürger skandinavische Wurzeln hat. Es ist eine traditionelle Welt, in der Familie und Heimat eine wichtige Rolle spielen. Aber Skandinavier gehören auch nicht gerade zu den redseligen Menschen. Sie sprechen selten miteinander. Und so herrscht auch in der Familie von Hope Schweigen und Kälte – wie in ihrer späteren Laborwelt. Wärme und Zuneigung erfährt sie erst, als sie ihr Elternhaus verlässt.
Ein Kind, das im Labor des Vaters zwischen Betonwänden und Reagenzgläsern aufwächst. (Den Vater erwähnt sie übrigens später im Buch überhaupt nicht mehr.) Was sollte anderes aus ihm werden als ein Wissenschaftler – wenn das Kind nicht ein Mädchen wäre. Frauen hatten in der Zeit, in der die Autorin aufwuchs, keine Chance als Wissenschaftler. Hopes intelligente Mutter brach ihr Chemiestudium ab, weil es nur auf Männer ausgerichtet war. Hope strebte danach, das Leben ihrer Mutter zu vollenden. Sie studierte zunächst Literatur, fühlte sich aber von Anfang an zu Naturwissenschaften hingezogen, unter anderem, weil sie ihr ein Zuhause boten, einen „sicheren Ort“. Und so baute sie ihre eigenen Labore (insgesamt drei) entsprechend ihrer persönlichen Bedürfnisse und Wünsche, um den Räumen Leben einzuhauchen. Wenn die Autorin ihre Labore beschreibt, spüren wir eine außergewöhnliche Wärme und Liebe zur Einrichtung, so wie unsereins vielleicht unser Wohnzimmer schildert. Eine Wärme, die sie offensichtlich nicht Menschen gegenüber empfingen kann – im Gegensatz zu ihrer Arbeit, über die sie mit großer Leidenschaft schreibt und die den Leser erkennen lässt: Diese Frau ist einzig und allein für die Wissenschaft geboren und bestimmt.
„Blattgeflüster“ gibt uns einen Einblick in die Welt der Forscher und das Schaffen von Wissenschaftlern an Universitäten: harte Arbeit, lange Arbeitszeiten, den Druck, Erfolge zu präsentieren, das ständige Betteln um Gelder für Materialen, für Löhne der Mitarbeiter und für Fördergelder. Das eigentliche Forschen nimmt da nur einen geringen Teil ein, was für eine Frau, die nichts anderes kennt (und will) extrem frustrierend sein muss.
Wie besessen Hope von ihrer Arbeit ist, merkt man, wenn sie eine Begebenheit schildert, bei der sie als erste eine wissenschaftliche Entdeckung macht, die sie einzigartig macht. Ein bedeutendes Ereignis, das sie zum Weinen bringt: „Kurz ein kleines Geheimnis zu besitzen, das vom Universum nur für mich gedacht war ...“
Aber nach und nach entdecken wir mehr verwirrende Anzeichen im Charakter der Autorin und ahnen, dass sie psychisch gestört ist: Sie kaut an ihrem Handrücken, bis er blutet, hat manchmal Erinnerungslücken und Angststörungen, und wir erfahren später im Text, dass sie manisch-depressiv ist. An einer Stelle schildert sie einen solchen Zusammenbruch brutal und erschreckend ehrlich. Danach verstehen wir besser, warum sich die Forscherin immer wieder in ihr Labor zurückzieht, den einzigen sicheren Ort, den sie kennt.
Jahrens Kommentare über Sexismus im akademischen Umfeld sind detailliert und machen mich wütend. Der Leser erkennt, wie Wissenschaft in der Realität praktiziert wird und wie unglaublich hart jemand (der noch dazu unter einer mentalen Krankheit leidet) kämpfen muss, um seine Forschung zu finanzieren

Bill
Bill ist Hopes Mitarbeiter und ihr Seelengefährte. Die beiden verbindet eine einzigartige Freundschaft, die Jahren mit so großer Zärtlichkeit schildert, dass man immer wieder geneigt ist, auf eine Liebesbeziehung zu hoffen. Aber Hope liebt und heiratet einen anderen Mann, mit dem sie auch einen Sohn bekommt. Dieser Mann taucht im Buch kaum auf, scheint aber verständnisvoll und vermutlich auch leidensfähig genug zu sein, um die enge Beziehung zu Bill zu dulden.
Hope und Bill arbeiten zusammen, bauen gemeinsam neue Labore auf und erforschen Pflanzen, Bäume, Samen und Erde in aller Welt. Beide arbeiten durchschnittlich 16 Stunden täglich – genauer gesagt nachts. Bill ist ihr Angestellter, wird jedoch kaum oder nur schlecht von ihr bezahlt. Darum muss er in seinem alten VW-Bus leben. Es hat mich irritiert, dass die Wissenschaftlerin ihren Partner, der ihr eine so große Hilfe ist, nicht besser bezahlen kann. Ebenso Jahrens schlechte Behandlung und Herabwürdigung ihrer Studenten. Gerade sie, die aus eigener Erfahrung wissen muss, wie man sich als Student in der Forschung fühlt, geht ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer ihren Weg. Beim Lesen habe ich mich gefragt, ob am Ende der Preis der Forschung und der Wissenschaft die Menschlichkeit ist. Vielleicht muss jeder, der absolut besessen von seiner „Sache“ ist, auch bereit sein, diesen Preis zu bezahlen?

Die Pflanzen
„Blattgeflüster“ ist auch ein Pflanzenlehrbuch. Wir erhalten faszinierende Einblicke in die Welt der Pflanzen, Bäume und Moose, verständlich geschrieben und poetisch zugleich. Jahren beschreibt diese Lebewesen, die uralten Bewohner unseres Planeten, voller Schönheit und Wertschätzung. Seit Wohllebens Baumbüchern wissen wir, wie interessant Bäume sein können. Hier können wir dies auch über andere Pflanzen erfahren. Die Autorin verbindet biologische Lektionen mit interessanten und humorvollen Geschichten. Dabei definiert sie auch ehrlich ihre Daten und deckt ihre Quellen auf, was in der Welt der Wissenschaft sehr ungewöhnlich ist.

Fazit
„Blattgeflüster“ ist eine eloquente Demonstration, was geschehen kann, wenn jemand die Ausdauer, Leidenschaft und den Willen zur Aufopferung findet, um sein Leben dem zu widmen, was er wirklich liebt und im Laufe dieser Arbeit den Menschen zu entdecken, der er zu sein bestimmt ist.
Hope Jahren schreibt brillant und drückt die Erfahrungen und Gefühle ihres Lebens als Wissenschaftlerin erstaunlich klar aus. Das Buch verknüpft botanische Informationen mit Einblicken in die Arbeit und das Denken der wissenschaftlichen Welt, die Rolle von Frauen in der Forschung und das Leben eines bipolaren Menschen.
Allen jungen Frauen da draußen, die sich für eine wissenschaftliche Karriere interessieren, sei dieses Buch besonders ans Herz gelegt – und dazu als „Warnung“ die Erkenntnis der Autorin: „Wissenschaft ist Arbeit. Nicht mehr und nicht weniger.“
Im Epilog gibt die Autorin allen Lesern einen wunderbaren Tipp: „Pflanzen Sie einen Baum“ und empfiehlt den entsprechenden Baum dazu. Ich schließe mich an: Pflanzen Sie einen Baum und lesen Sie dieses Buch. (ehr)