17.10.2016

Rezension: Hund & Mensch

Hund & Mensch
Das Geheimnis unserer Seelenverwandtschaft

Kurt Kotrschal
Brandstätter Verlag, 2016
272 Seiten
ISBN 978-3710600548
24,90 €

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Inhalt
Trotz aller technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ist die Sehnsucht nach einer intensiven Beziehung zu einem Hund ungebrochen. Aus gutem Grund: Kinder, die mit Hunden aufwachsen, profitieren massiv in ihrer körperlichen, emotionalen und sozialen Entwicklung. Hundehalter sind glücklicher, gesünder und emotional stabiler. Hunde schützen uns vor Altersdepression und Vereinsamung. Der Verhaltensforscher und Biologe Kurt Kotrschal spürt der außergewöhnlichen Partnerschaft zwischen Mensch und Hund seit vielen Jahren nach. Auf wissenschaftlicher Basis belegt er, warum Menschen Hunde brauchen, um ganz Mensch zu sein. Denn seine spannenden neuen Erkenntnisse belegen, was Hundehalter seit vielen Jahren spüren. Ohne die Beziehung zu einem Hund ist der Mensch psychisch nicht vollständig. Und: Hunde sind uns noch ähnlicher als bisher angenommen.

Rezension
In diesem Buch versucht der Autor das Geheimnis der Seelenverwandtschaft von Mensch und Hund zu ergründen. Das ist ihm gelungen.

Man wundert sich, dass der Autor und Biologe, der so viel über Hunde forscht und schreibt, selbst ohne Hunde aufgewachsen ist. "Trotzdem ist etwas aus mir geworden", schreibt er und fragt sich, wie viel mehr hätte aus ihm werden können, wenn er einen Hundegefährten gehabt hätte. Das fragen wir uns auch. Aber er hat den Hundemangel nachgeholt und wird am Ende einer der bekanntesten Verhaltensforscher im deutschsprachigen Raum und für seine Arbeit 2010 zum "Wissenschaftler des Jahres" gewählt.  Kotrschal ist Mitbegründer des Wolfsforschungszentrums (Wolf Science Centers, WSC) in Österreich, einer Institution, die sich mit dem Verhalten von Wölfen und Hunden beschäftigt – oft mit vergleichenden Analysen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich aus eigener Erfahrung der festen Überzeugung bin, dass man beispielsweise das Sozialverhalten von Wölfen niemals in Gefangenschaft ergründen kann, sondern ausschließlich durch Beobachtung von frei lebenden Wölfen. So gesehen erschließen sich mir manche wissenschaftlichen Versuche des WSC, was Wölfe angeht, nicht. Wozu beispielsweise vergleichen, wer von beiden – Wolf oder Hund – eher den Zeigegesten eines Menschen folgt? Die Natur hat den Wolf nie dazu gemacht, auf die Gestik eines Menschen zu reagieren. Warum auch?
Wenn aus solchen Experimenten die Erkenntnis folgt, dass "die Kommunikation unter Wölfen sehr stark auf Blicken und Blickrichtung beruht", oder "Wölfe sich beim Kommunizieren ständig kurz anschauen", dann kann ich das tagtäglich auch bei der Freilandbeobachtung sehen und muss dafür keine Wölfe von Hand aufziehen und somit die Voraussetzungen für derartige "Erkenntnisse" noch unnatürlicher machen. Für mich (auch als grundsätzliche Gegnerin von Zoos und Gehegen) sind also solche Versuche mit Wölfen zumindest überflüssig.
Gleichwohl finde ich die im WSC durchgeführten Experimente mit Hunden außerordentlich interessant, zeigen sie uns doch, wie eng das Verhältnis Hund-Mensch ist. Okay, wir Hundebesitzer wussten das eh schon immer, aber schön, dass uns nun auch wissenschaftlich bestätigt wird, dass Hunde empathisch sind und ein Gefühl für Gerechtigkeit haben. Das haben uns aber Jane Goodall und Marc Bekoff schon vor Jahren erzählt.

Soweit meine persönliche Einstellungen und Kritik zur Forschung. Diese sollen jedoch nicht den Wert der Arbeit des Autors – den ich im Übrigen sehr schätze – schmälern. Zurück also zum Buch.
Zum Thema "Hund und Mensch" gibt es inzwischen zahlreiche Fach- und Sachbücher auf dem Markt. Dieses Buch unterscheidet sich davon, nicht nur, weil es von einem Wissenschaftler geschrieben ist, der jahrelang zum Thema geforscht hat, sondern auch, weil es verständlich geschrieben ist – etwas, das immer noch vielen wissenschaftlichen oder pseudowissenschaftlichen Büchern fehlt. Sowohl Fachleute als auch Laien können es lesen und vor allem verstehen. Darüber hinaus ist es großartig geschrieben: unterhaltend und äußerst informativ. Viele Leser und insbesondere Hundehalter werden bei der Lektüre bestätigend nicken: "Kenn ich!"

Wer Wölfe liebt, wird sich durch das Buch bestätigt fühlen – besonders im Schlusskapitel, in dem der Autor schreibt, dass es "völlig inakzeptabel ist, dem Wolf, der Wildform des Hundes, das Lebensrecht neben uns zu verwehren".  Richtig so!

Fazit: "Mensch & Hund" bekommt meine absolute Empfehlung. Jeder Hundefreund sollte es gelesen haben.  (ehr)