31.01.2017

Rezension: Der Geschmack von Laub und Erde

Der Geschmack von Laub und Erde
Wie ich versuchte, als Tier zu leben

Charles Foster
Malik, 2017
288 Seiten
ISBN 978-3890292625
20,00 € (endlich mal ein vernünftiger, glatter Preis)

Hier können Sie das Buch bestellen

Inhalt
Was fühlt ein Tier, wie lebt es und wie nimmt es seine Umwelt wahr? Um das herauszufinden, tritt Charles Foster ein faszinierendes Experiment an. Er schlüpft in die Rolle von fünf verschiedenen Tierarten: Dachs, Otter, Fuchs, Rothirsch und Mauersegler. Er haust in einem Bau unter der Erde, schnappt mit den Zähnen nach Fischen in einem Fluss und durchstöbert Mülltonnen auf der Suche nach Nahrung. Er schärft seine Sinne, wird zum nachtaktiven Lebewesen, beschreibt wie ein Weinkenner die unterschiedlichen „Terroirs“ von Würmern und wie sich der Duft der Erde in den verschiedenen Jahreszeiten verändert. In die scharfsinnige und witzige Schilderung seiner skurrilen Erfahrungen lässt er wissenswerte Fakten einfließen und stellt sie in den Kontext philosophischer Themen. Letztendlich geht es dabei auch um die eine Frage: Was es bedeutet, Mensch zu sein.

Rezension
Manchmal liest man ein Buch und fragt sich am Ende, was um alles in der Welt man nun gelesen hat. So ging es mir bei der Lektüre von „Der Geschmack von Laub und Erde“. Noch nie hat mich ein Buch so hin und her gerissen wie dieses.
Ich weiß nicht, was ich von dem Buch halten soll – oder von dem Autor, der versucht, sich in fünf verschiedene Tierarten hineinzuversetzen und dabei unter anderem wie ein Fuchs mit der Nase den Müll durchwühlt oder sich über Monate die Fußnägel wachsen lässt, um die überwachsenen Hufe eins Rothirsches zu spüren.

"Ich wollte wissen, wie es ist, ein Wildtier zu sein", schreibt Foster am Anfang. Dieser Versuch scheitert an seinem Menschsein.
Gleichwohl sind die Experimente so fesselnd – und teilweise auch grausig – dass sie den Leser nicht loslassen, quasi eine Art "Dschungelcamp-Effekt".

Als Naturforscher ist der Autor nicht damit zufrieden, die wilden Tiere, die ihn faszinieren, zu studieren, er will sie werden, um sie zu verstehen. Dabei scheut er auch teilweise nicht davor zurück, seine Kinder mitzunehmen, um beispielsweise mit seinem achtjährigen Sohn eine Dachshöhle zu graben und gemeinsam mit ihm Regenwürmer zu essen.

Um zu spüren, wie es ist, ein Fuchs zu sein, wühlt er in Londen mit der Nase durch den Müll, entleert Blase und Darm, wo er gerade ist, und versucht einem Polizisten zu erklären, warum er sich unter einem Rhododendronbusch zusammengerollt hat. Diese Szene ist mit einem trockenem Humor geschrieben, so wie viele andere Szenen in diesem Buch. Zur selben Zeit schüttelt es den Leser vor Grauen, wenn er sich ein solches Leben vorstellt.

Der Autor war lange Zeit Jäger und will nun selbst die Welt so wahrnehmen, wie es seine Beute tut. Bei dem Versuch, ein Rothirsch zu sein, erinnert sich Foster an seine Jagdzeiten, die er selbstkritisch schildert. Seitenlang von der Pirschjagd und deren brutalen Methoden zu lesen, wird jedem empathischen Leser schwer fallen. Ich empfand dabei Schmerz, Widerwillen und Wut. Nun aber steht der Autor auf der anderen Seite des Gewehrlaufes. Um zu erfahren, wie es ist, ein Hirsch zu sein, lässt er sich von einem Freund jagen, nur um leider zu kneifen und festzustellen, dass er doch eher ein Beutegreifer sei und keine Beute. Dieses Experiment misslingt also, ebenso wie das, ein Mauersegler zu sein. Der Mensch kann nun einmal nicht fliegen. Punktum.

Otter mag er nicht. Sein Versuch endet mit der "Erkenntnis", dass er kein Otter werden kann, weil die im Wasser leben und nachtaktiv sind. Er bricht das Experiment ab und geht stattdessen ins Gasthaus, um ein paar Biere zu kippen.

Als Kanidenmensch hat mich das Kapitel über den Fuchs besonders interessiert. Wer meint, er wisse schon alles über ihn, der sollte dies anhand der Lektüre von Foster noch einmal überprüfen. Zum Beispiel die Sache mit dem Mäusesprung:
"Der Trick [für den Erfolg beim Sprung] ist, das Magnetfeld der Erde für die Berechnung der Entfernung zu nutzen. Deshalb findet der Fuchssprung in einem festen Winkel zum Erdmagnetfeld statt (20% neben dem magnetischen Norden). Der Fuchs erkennt den Winkel, in dem das Geräusch auf sein Ohr trifft. Wo sich die magnetische Linie und die Geräuschlinie kreuzen, da hockt die Beute." (Seite 181/182). Faszinierende Informationen! Der Versuch des Autors – mithilfe des Magnetfelds der Erde und seinem eigenen, unvollkommenen Gehör – es dem Fuchs gleichzutun, endet stets auf gleiche Weise: mit dem Gesicht im Mäusekot.

Überhaupt spielt Kot in jeder Form bei diesem Selbstversuch für den Autor eine große Rolle, ebenso wie Gerüche, die er so vorzüglich beschreibt, dass man fast mitriechen kann. Oder nehmen wir den Beginn des Dachskapitels, wo er einen Wurm isst und detailliert schildert, wie das Tier versucht, durch seine Zähne zu entkommen, bevor er es kaut und herunterschluckt. Grandios geschrieben, aber mit garantiertem Würgereflex.

Ich gebe dem Buch gerne die volle Punktzahl vor allem aus zwei Gründen:
  1. "Der Geschmack von Laub und Erde" ist ein großartiges Naturbuch und informiert detailliert und kundig über Dachs, Otter, Fuchs, Rothirsch und Mauersegler besser, als es manches Fachbuch tut. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, es im Biologieunterricht einzusetzen. Der Spaß- (und Ekel-)faktor bei den Schülern wäre garantiert.
  2. Es ist wunderschön geschrieben: poetisch, humorvoll, in einer blumigen Sprache, die ein literarischer Genuss ist. 
In "Der Geschmack von Laub und Erde" erleben wir faszinierende Einblicke in die Welt wilder Tiere, die man aus der "Menschenperspektive" so nicht haben kann. Man kommt beim Lesen schnell ins Philosophieren über Fragen nach dem essenziellen Ich, dem Bewusstsein, der Seele. Was ist ein Tier? Wer bin ich?
Vom ethischen Standpunkt her, habe ich mir bei der Lektüre oft die Frage nach dem Warum gestellt. Welchen Sinn macht es, ein Tier sein zu wollen? Warum reicht es nicht, wenn wir ein Tier einfach nur beobachten? Warum muss alles noch spektakulärer sein? Wir drängen uns immer den Lebewesen auf, die sich nicht wehren können. Welchen Sinn macht es, noch tiefer in ein Tier einzudringen, seine Seele erkennen zu wollen, um es letztendlich doch nur erneut zu instrumentalisieren?
Ich habe höchsten Respekt und große Achtung vor der Natur und ihren Geschöpfen. Ich persönlich denke nicht, dass man sich aus welchem Grund und mit welcher Methode auch immer, in ein Tier hineinversetzen kann oder sollte. Man wird als Mensch niemals ein Wesen einer anderen Spezies wirklich ganz verstehen, geschweige denn ein solches sein. Und das ist auch gut so. Wir sollten den Tieren das Geheimnis und die Würde ihres eigenen Seins lassen. (Elli H. Radinger)